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Scarpine

Verschlagener Korse

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Mittwoch, 14. Dezember 2016, 19:11

Deutsches Kino

Hier herein alles zum Deutschen Film, großen nationalen Klassikern & Filmschaffenden und aktuellen Entwicklungen rund um das "Deutsche Kino"...
"Enjoying our little party, Monsieur... Saint John Smythe?"

Scarpine

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Freitag, 16. Dezember 2016, 13:41

Vier gegen die Bank (2016) von Wolfgang Petersen mit Til Schweiger, Matthias Schweighöfer, Michael Herbig & Jan Josef Liefers

Kinostart: 25. Dezember 2016

TRAILER

Der Film ist nicht nur Petersens erster Spielfilm seit rund zehn Jahren, sondern zugleich auch ein Remake seines vor vierzig Jahren gedrehten Werks Vier gegen die Bank (1976), der wiederum auf dem Roman The Nixon Recession Caper von Ralph Maloney basiert.
Damals wurden die "Vier" von Walter Kohut, Harald Leipnitz, Herbert Bötticher & Günther Neutze dargestellt.

"Enjoying our little party, Monsieur... Saint John Smythe?"

Pille

Wibbly wobbly timey wimey... stuff

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Samstag, 17. Dezember 2016, 18:54

Das Deutsche Kino finde ich gar nicht so schlecht wie es gerne geredet wird. Grandios finde ich die Zeit Ende der 90er/Anfang 2000er, als so großartige Thriller wie "Anatomie", "Das Experiment" oder "Antikörper" rauskamen. Ich hab das Gefühl, damals wurde sich mal so richtig was getraut. Heute sind mir die Wohlfühlkomödchen für die ganze Familie a la Til Schweiger deutlich zu dominant, wobei "Fack ju Göhte" nu wirklich mal lustig war. Dabei sind brauchbare Filmemacher und Drehbuchautoren vorhanden, die Filme im Stil der eingangs Erwähnten auf die Beine bringen könnten, da muss ich mir nur die jährlichen Finalisten des Shocking Shorts Arwards ansehen, da sind teils phantastische Kurzfilme dabei, die in zehn Minuten mehr Spannung erzeugen als ein Hollywood-Zweistünder.
Keine Mätzchen mehr, jetzt wird gespielt!


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Sonntag, 18. Dezember 2016, 15:25

Eine außerordentlich kreative Phase des hiesigen Kinos, sind zweifelsohne die 20er Jahre, eingeleitet u.a. durch solch sagenhafte Stummfilmperlen wie "Nosferatu", später gegen Mitte der Dekade dann exotische Meilensteine wie etwa "Der müde Tod".

Daraufhin dann Jahrzehnte der Ermüdung, bis Ende der 60er beziehungsweise Anfang der 70er Jahre junge Regisseure wie Volker Schlöndorff, Werner Herzog und dergleichen mehr das Zepter übernahmen.

Ein Punkt welcher mich hierzulande MASSIV stört, ist der, dass es zwischen Kunstfilmmeister Wim Wenders und dem bereits von unserer allseits geschätzten Pille erwähnten Herrn Schweiger (und Schweighöfer etc.) kaum eine Mitte zu geben scheint. Womöglich existiert sie, doch sie fällt mir mitnichten ins Auge und ist aus meiner Sicht subjektiv betrachtet nahezu nicht vorhanden. Anspruchsvolle philosophische Filme: haben wir! Anspruchslose Popcornkomödien der Vorhersehbarkeit: haben wir! Mehr als zur Genüge!
Aber wo bleibt die Mitte? Das japanische und französische Kino offenbart im Rahmen seiner drastischeren Sehgewohnheiten beispielsweise ein dort gar zum Mainstream gewordenes Autorenkino, welches einem dennoch Vergnügen zu bereiten vermag, welches somit Kunst und Unterhaltung miteinander verbindet.
"Loyalität bedeutet mir wesentlich mehr als Geld."
Bond '89 - Robert Davi

Scarpine

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Montag, 19. Dezember 2016, 18:48

Eine außerordentlich kreative Phase des hiesigen Kinos, sind zweifelsohne die 20er Jahre, eingeleitet u.a. durch solch sagenhafte Stummfilmperlen wie "Nosferatu", später gegen Mitte der Dekade dann exotische Meilensteine wie etwa "Der müde Tod".

Daraufhin dann Jahrzehnte der Ermüdung, bis Ende der 60er beziehungsweise Anfang der 70er Jahre junge Regisseure wie Volker Schlöndorff, Werner Herzog und dergleichen mehr das Zepter übernahmen.

Ein Punkt welcher mich hierzulande MASSIV stört, ist der, dass es zwischen Kunstfilmmeister Wim Wenders und dem bereits von unserer allseits geschätzten Pille erwähnten Herrn Schweiger (und Schweighöfer etc.) kaum eine Mitte zu geben scheint.

Die Zwanziger Jahre stehen natürlich über allem. Die ganze Stummfilm- und frühe Tonfilmzeit in Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Russland und den USA ist ein einsamer Triumph, dessen atmosphärische Dichte und qualitativ-künstlerische Bandbreite danach nie wieder dauerhaft erreicht wurden. Das waren aber auch die Anfangsjahrzehnte des Films, als das Medium noch neu und frisch war und man staunend vor dessen unbegrenzten Möglichkeiten stand. Der aufkommende Faschismus in Europa und der Zweite Weltkrieg haben dann dem (Qualitäts-) Kino gesamtheitlich einen Schlag versetzt, von dem es sich gewissermaßen nie wieder vollständig erholt hat. Nicht umsonst hat es über ein Jahrzehnt gedauert, bis es in den Sechziger und Siebziger Jahren dann wieder zu einen größeren Qualitätsdichte und einer Phase großer kreativer Hochklassigkeit kommen konnte. Seit den Achtziger Jahren ist das Kino leider größtenteils nur noch in einer Epigonen-Schleife gefangen. Das hat aber auch mit einer Existenzkrise des Mediums zu tun, denn mittlerweile haben diverse neue Medien (Computer, Spielkonsolen, Handys, Smartphones usw.) dem klassischen Film den Rang abgelaufen. Selbstzitate, Neuverfilmungen, Remakes und unbegrenzt herrschende Franchise- und Kommerzfilme sind das dominierende Bild in der Gegenwart. Dem Kino fehlt in der Tat die "Mitte". Zwischen dem Blockbuster/Kommerz-Kino und dem absoluten Arthouse-Kino gibt es kaum mehr "Vermittler" und "Überläufer". Das sind mittlerweile zwei völlig getrennte Welten.

Deutschland ist da noch einmal ein speziellerer Fall. Einst waren die Deutschen mit die Vorreiter und Hauptvertreter der Goldenen Ära des Kinos von 1900-1933; bis dann mit dem Dritten Reich und dem Zweiten Weltkrieg alles zusammenbrach. Vielleicht beschäftigt sich das deutsche Kino auch deswegen so intensiv mit der Zeit von 1933-1945, denn abseits von Krieg, Wahnsinn, Rassenwahn und Völkermord ist das "deutsche Trauma" gewissermaßen auch eines des hiesigen Kinos. Das deutsche Kino versucht sozusagen postwendend neben dem historischen Irrsinn auch zu begreifen, wie die einst große "Film-Nation" Deutschland während und nach den Dreißigern Jahren in der völligen Bedeutungslosigkeit versinken konnte. Die Fünfziger Jahre waren dann zunächst einmal im wesentlichen geprägt von seichten "Heile Welt"-, Abenteuer- und Kriegsfilmen. Komödien, Historienfilme und Bergfilme waren allgegenwärtig. In den Sechziger Jahren wurde die Genre-Palette dann erfolgreich um Kriminalfilme, Thriller, Westen und Agentenfilme erweitert. Prägende Mainstream-Regisseure hier waren Paul May (08/15, Via Mala), Harald Reinl (Der Schatz im Silbersee, Die Nibelungen), Werner Jacobs (Die lustige Witwe, Das fliegende Klassenzimmer), Alfred Vohrer (Das Gasthaus an der Themse, Lange Beine - Lange Finger), Franz Josef Gottlieb (Die Gruft mit dem Rätselschloss, Im Reich des silbernen Löwen) und Jürgen Roland (Heißer Hafen Hongkong, Polizeirevier Davidswache).

Demgegenüber entwickelte sich langsam und in der Breite eher behäbig, das deutsche Anspruchskino mit Vertretern wie Helmut Käutner (Des Teufels General, Monpti), Wolfgang Staudte (Die Mörder sind unter uns, Kirmes), Kurt Hoffmann (Drei Männer im Schnee, Wir Wunderkinder), Bernhard Wicki (Die Brücke, Morituri), Gerd Oswald (Am Tag, als der Regen kam, Schachnovelle) und Robert Siodmak (Die Ratten, Nachts, wenn der Teufel kam), die sich fast allesamt im Herbst ihrer Karriere befanden. Nicht umsonst spottete Fritz Lang in den Sechziger Jahren: "Aus Deutschland wird nie wieder ein guter Film kommen!" 1962 begann mit dem "Oberhausener Manifest" die Zeit der jungen Wilden und des "Neuen Deutschen Films": Alexander Kluge, Edgar Reitz, Peter Schamoni, Rudolf Thome, Peter Zadek, Johannes Schaaf, Roland Klick, Hark Bohm und Hans W. Geissendörfer sind hier vor allem zu nennen. Am größten war jedoch der Einfluss von Wim Wenders (Der amerikanische Freund, Paris, Texas), Volker Schlöndorff (Baal, Die Blechtrommel) und vor allem von Rainer Werner Fassbinder (Die Ehe der Maria Braun, Lili Marleen). Werner Herzog (Aguirre, der Zorn Gottes, Stroszek) gehörte zwar zu dieser Generation und "Stilrichtung", stand jedoch von Beginn an eher etwas abseits.

Das junge deutsche Kino hatte jedoch einen schlechten Zeitpunkt erwischt. Mit dem Siegeszug des Fernsehens und den stetig sinkenden Besucherzahlen geriet das europäische und damit auch das deutsche Kino um 1970 in eine schwere Krise. Viele Firmen meldeten Konkurs an und der Genre- und Kommerzfilm starb fast vollständig aus. Trotzdem gelang es dem "Neuen Deutschen Film" sich zu etablieren und rund eine Dekade erfolgreich zu sein. Mit dem Tode Fassbinders 1982 ging diese Zeit zu Ende. Wenders, Schlöndorff und Herzog konzentrierten sich in der Folge mit Erfolg auf ihre internationale Karriere. Zugleich begann mit Bernd Eichinger ein junger Produzent dem deutschen Kino wieder langsam Leben einzuhauchen. Mit ihm kamen Regisseure wie Ulrich Edel (Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo, Letzte Ausfahrt Brooklyn), Wolfgang Petersen (Das Boot, Die unendliche Geschichte), Roland Emmerich (Stargate, Godzilla), Doris Dörrie (Männer, Bin ich schön?) und Dominik Graf (Drei gegen Drei, Die geliebten Schwestern). Nachdem Edel, Petersen und Emmerich schnell ihr Heil in der Fremde zu suchen begannen, verblieb in Deutschland nur Dominik Graf, der mit Filmen wie Die Katze und Die Sieger erfolglos versuchte, den Genrefilm wieder auf den Weg zu bringen.

Gleichzeitig begannen unter anderem die Karrieren von Sönke Wortmann (Der bewegte Mann, Das Wunder von Bern), Caroline Link (Nirgenwo in Afrika, Im Winter ein Jahr), Oskar Roehler (Die Unberührbare, Der alte Affe Angst), Oliver Hirschbiegel (Das Experiment, Der Untergang), Stefan Ruzowitzky (Anatomie, Die Fälscher), Hans-Christian Schmid (23 - Nichts ist so wie es scheint, Lichter) und Tom Tykwer (Lola rennt, The International). Die Neunziger Jahre waren dann geprägt von Neuverfilmungen und Komödien. Mit der Jahrtausendwende kamen dann DritteReichs-Dramen vermehrt dazu, während die diversen Versuche im Horror-Genre - wie von Pille erwähnt - nicht wirklich von Dauer waren. Auch die Komödienschiene - maßgeblich durch den gewaltigen Erfolg der Filme um den Ostfriesen Otto Waalkes angeschoben - erhielt in den letzten 15 Jahren massiven Zuwachs durch die Filmemacher und Hauptdarsteller Michael Herbig, Til Schweiger, Matthias Schweighöffer und Elyas M’Barek. Zumindest letzteres darf als Kuriosum gelten. Immerhin fallen im Ausland die Worte "Deutschland" und "Humor" selten im selben Zusammenhang...

Neben dem Fehlen des oben erwähnten "Mittelbaus", hat das deutsche Kino aus meiner Sicht noch ein anderes Problem: Es gibt hierzulande unter den Filmemachern nur noch Realisten, aber keine Visionäre mehr...
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Dienstag, 20. Dezember 2016, 14:49

Wahrlich wegweisende Ausführungen, sehr geehrter und geschätzter Filmexperte Scarpine (und das meine ich zu 100 Prozent ernst, du weißt - fürwahr - in der Tat worüber du schreibst).
Wenn im Filmgeschäft mehr Leute mit der gleichen Präzision den Markt, seine Lücken und dergleichen mehr beobachten würden, wäre die Problematik innerhalb des deutschen Films kaum mehr existent, Hut ab!


Und dass es weniger Visionäre gibt, ließe sich von meiner Seite ebenfalls unterschreiben, so mögen selbige zwar nicht gänzlich verloren gegangen sein oder gar einer "aussterbenden Rasse" angehören, aber da über die diversen Jahrzehnte schon derart viel mit diesem Medium experimentiert worden ist, wird es zunehmend schwerer sich einem gänzlich neuen Projekt mit eigener Vision zu widmen, im Übrigen ist die gesamte Maschinerie natürlich überwiegend profitorientiert, was die eine oder auch andere originelle Idee vollkommen ausschließt.
Zwar denke auch ich, dass das hiesige Kino manchmal weniger guten Ruf genießt als ihm gebühren sollte, dennoch sehe ich diesen Bereich - ich hätte beinahe gesagt die gesamte Branche - auf einem absteigenden Ast, des Weiteren hat es sich bezüglich der Länder ja schon seit Ewigkeiten in andere Richtungen verlagert, Qualitätshöhepunkte ergeben sich da meiner Meinung nach also tendenziell eher in anderen Teilen dieser Welt, ob die BRD zu dieser kinematographischen Größe jemals zurückzukehren imstande sein wird...?
Wöge man das Für und Wider infolgedessen kritisch ab, so bliebe hinsichtlich unseres Kinos die betagte Ära der damaligen Zeit unvergessen, was jedoch mitnichten darüber hinwegtäuschen kann, dass sich die Gegenwart nicht auf der Vergangenheit ausruhen sollte, im Übrigen habe ich bei den (unseren) Mainstream-Komödien den Eindruck vermittelt bekommen, dass man mehr oder weniger alle gesehen hat, wenn man sich auch nur eine einzige zu Gemüte führt...
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Dienstag, 20. Dezember 2016, 15:57

Wahrlich wegweisende Ausführungen, sehr geehrter und geschätzter Filmexperte Scarpine (und das meine ich zu 100 Prozent ernst, du weißt - fürwahr - in der Tat worüber du schreibst).
Wenn im Filmgeschäft mehr Leute mit der gleichen Präzision den Markt, seine Lücken und dergleichen mehr beobachten würden, wäre die Problematik innerhalb des deutschen Films kaum mehr existent, Hut ab![...]ob die BRD zu dieser kinematographischen Größe jemals zurückzukehren imstande sein wird...?

Vielen Dank für die Blumen! :prost:
Allerdings bin ich leider nicht im Besitz des Steins der Weisen, sondern beobachte nur. Dass man sich mit der Filmgeschichte einigermaßen auskennt, heißt aber noch lange, dass man auch von der Filmwirtschaft oder dem Filmemachen etwas versteht. Von daher würde ich niemals für mich in Anspruch nehmen, fertige Lösungen oder etwas in der Art parat zu haben. Und wenn es diese gäbe, wären einige, sicherlich klügere Köpfe in der Filmbranche schon längst darauf gekommen. Der Beitrag war auch etwas als "Rundumschlag" und "namedropping"-Lückenfüller gedacht, um einige Richtungen, Personen und Diskussionspunkte anzuschneiden. Die Größe der Zwanziger Jahre wird das deutsche Kino nie wieder erreichen, dabei bildet es aber auch beileibe keine Ausnahme. In Großbritannien hat man auch lange gebraucht, um den Weltkriegs-Schock einigermaßen zu kompensieren. Trotzdem ist die britische Filmindustrie (im Fernsehen sieht es bei den Briten viel besser aus) bis heute nicht allzu üppig aufgestellt. Es ginge also gar nicht darum, vergangenen Glanztagen hinterher zu hecheln, sondern eher den deutschen Film in der Breite besser aufzustellen und qualitativer zu machen. Gerade das Fehlen eines guten Genre-Kinos hierzulande schmerzt immer ein wenig, wenn man sich vor Augen führt, dass man ebensolches auch mit beschränkten Mitteln vor allem in den SechzigerJahren sehr gut hinbekam. Allein der Wille der Produzenten und die Akzeptanz des Publikums scheinen hier zu fehlen.

Und dass es weniger Visionäre gibt, ließe sich von meiner Seite ebenfalls unterschreiben, so mögen selbige zwar nicht gänzlich verloren gegangen sein oder gar einer "aussterbenden Rasse" angehören, aber da über die diversen Jahrzehnte schon derart viel mit diesem Medium experimentiert worden ist, wird es zunehmend schwerer sich einem gänzlich neuen Projekt mit eigener Vision zu widmen, im Übrigen ist die gesamte Maschinerie natürlich überwiegend profitorientiert, was die eine oder auch andere originelle Idee vollkommen ausschließt.

Das wäre gar nicht so sehr mein Punkt. Die Möglichkeiten des Mediums sind immer noch unbegrenzt, auch wenn vieles schon ausprobiert wurde. Man sollte sich eben der Konkurrenz der neuen Medien bewusst sein und sich auf die Kernkompetenzen des Kinos besinnen. Man muss sich doch nur einmal Leute wie Stanley Kubrick, Steven Spielberg oder James Cameron (um einen Schnitt durch die Bereiche Anspruch, Genre, Kino-Magie, technische Revolution zu ziehen) ansehen. Diese Filmschaffenden haben auch neue Standards gesetzt und neue Wege gefunden, obwohl der Film zu diesem Zeitpunkt schon siebzig Jahre und mehr auf dem Buckel hatte. Dennoch sprichst du einen wichtigen Punkt an: Strukturen. Vermutlich bietet die deutsche Filmlandschaft auch einfach nicht (mehr) die Räume, um einen Regisseur dieses Kalibers hervorzubringen. Es ist ja auch auffällig, dass viele deutsche Regisseure, die eine Karriere in Hollywood gestartet haben, entweder komplett gescheitert sind, oder aber wie Ulrich Edel, Wolfgang Petersen und Roland Emmerich dem Erfolg ihren Markenkern bzw. ihre eigene Handschrift geopfert haben, während beispielsweise jemand wie der Brite Christopher Nolan seine eigene, bereits früh erkennbare Handschrift zu einem echten Erfolgsmodell gemacht und ausgebaut hat.

Ich denke, dass weist letztlich auf einen gewissen Mangel an Genre-Verständnis in der deutschen Filmlandschaft hin, der aufgrund der fast fünfzigjährigen Abstinenz von breitem, gutem Genre-Kino auch nachvollziehbar ist. Das ist natürlich schade. Ein anderes Beispiel wäre Quentin Tarantino, der ebenfalls seine Vorstellung von Kino rigoros durchgesetzt hat und damit großen Erfolg hatte und noch immer hat. Er macht einfach, was er will. Auch hier könnte man fragen: Wo bleibt der "deutsche" Tarantino? Neben dem Mangel an gutem hiesigem Genre-Kino und auch dem häufigen Abwerten desselben durch die Kritiker, sind hier auch einfach die Strukturen der Branche das Problem. In den USA ist es scheinbar einfach viel "leichter" mit dem richtigen Können und dem absoluten Willen seine Vorstellung vom Filmemachen zu verwirklichen. In Deutschland ist das System einfach zu starr, zu phlegmatisch, zu undurchlässig. Da kommt man - wenn überhaupt - nur mit einer absoluten "Guerilla"-Taktik zum Ziel, wenn man keine Kompromisse machen möchte. Dann müsste der Delinquent aber auch schon ein zweiter Werner Herzog oder so sein...
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Dienstag, 20. Dezember 2016, 16:35

Den Tarantino Deutschlands wird es wohl nicht geben, obgleich ich in diesem Zusammenhang ausnahmsweise mal nicht die Schuld bei den Deutschen sehe/suche, tatsächlich wäre ein Filmemacher im Stil von Tarantino in meinen Augen 1) in einigen anderen Ländern mindestens gleichermaßen undenkbar und erschwerend hinzu käme aus meiner Sicht, das käme nun Punkt 2 gleich, dass er auch in seinen eigenen Schaffensländern die Ausnahme der Ausnahmen darstellt. Jemand der einen derart eigenwilligen, aber dennoch stets zu zitieren gelobenden Stil verfolgt, obendrein gewürzt mit einer SCHEINBAR die Gewalt zelebrierenden Überdosis an schwarzen Pointen, stellt in seiner merkwürdigen Mixtur aus Mainstream und künstlerischen Ansätzen eine extrem spezielle Figur im Filmuniversum dar, dass er es "dennoch" geschafft hat, ist wie ich glaube eher als Glückstreffer wahrzunehmen, auch dortzulande würde man bei jedem anderen Regisseur dieser Art mit dem Kopf schütteln, bei Tarantino geht es aber in Ordnung, "weil er Tarantino ist" :D
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Dienstag, 20. Dezember 2016, 18:31

@ Daniel Schweikert 1996

Das Tarantino ein Spezialfall ist und einen Extra-Sonderstatus besitzt, würde wohl niemand bestreiten wollen. Trotzdem sehe ich ihn schon einfach als weiteres Beispiel in einer ganzen Kette. Natürlich hat er seine extremen Eigenheiten, aber er zieht auch "nur" sein Ding durch. Und darin unterscheidet er sich nicht wesentlich von anderen Filmemachern. Nolan macht auch, was er will; nur eben mainstreamiger und mit einer PG-13er Freigabe. Trotzdem ist das einfach sein Stil. Ich denke nicht, dass Nolan "ausgeflipptere" oder "gewagtere" Filme machen würde, wenn seine Big-Budgets sich nicht an den Gesetzen des Filmmarkts orientieren müssten. Er macht auch das Kino, dass er will; ohne Einschränkungen. Das ist der entscheidende Punkt.

Hierzulande sind aber Filmemacher mit größeren Eigenheiten und "klarer Kante" aber einfach nicht gefragt; was teilweise so weit geht, dass man die jüngeren deutschen Regisseure im Stil kaum auseinanderhalten kann. Aber auch die Produzenten haben einfach nicht sehr viel Fantasie oder Toleranz. Extravagante Ideen, Drehbücher oder Projekte werden in der Regel per se abgelehnt. Ich erinnere mich hier an ein Interview mit einem deutschen Autor, der ein phantastisches Drehbuch voller cooler Einfälle zu einem Animationsfilm geschrieben hatte, dass der Produzent regelrecht gehasst habe und er dann erwartungsgemäß alles umschreiben musste. Am Ende wurde ein typisch biederer, deutscher Kinderfilm daraus, der kaum Resonanz fand und sein Budget nicht wieder eingespielt hat. Dann hätte man auch gleich die mutigere Variante probieren können...
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Dienstag, 20. Dezember 2016, 20:45

Womöglich gab ich mich auch einfach der falschen Formulierung hin.
Ich denke ja nicht dass Tarantino im Prinzip der einzige dortige Regisseur ist, der - volkstümlich formuliert - sein eigenes Ding macht.
Nur ist eben genau dieses "eigene Ding" in seinem Falle derart extrem (Éric Rohmer im Rauschzustand, wenn man so will), dass er in meinen Augen selbst unter all jenen, die ihren eigenen Instinkten folgen, vollkommen herausragt.

Und dass diese Art Regisseur hierzulande kaum gefragt ist: ja, so oder so ähnlich betrachte ich das ebenfalls, eigentlich außerordentlich bedauerlich...
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Donnerstag, 22. Dezember 2016, 14:21

Gehört thematisch zum deutschen Kino: Die große Ekstase des Bildschnitzers Steiner im entsprechenden Thread.
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12

Freitag, 23. Dezember 2016, 12:33

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Ein Kernproblem veritabler deutscher bzw. europäischer Filmkunst dürfte meines Erachtens der Aspekt sein: "Was darf es denn kosten?"

2014 wurde die Meldung veröffentlicht, dass die britische Filmkomödie PADDINGTON (Bär) mit einem Budget von 50 bis 55 Millionen US-Dollar der teuerste Film sei, den die französische Filmgesellschaft Studiocanal als alleiniger Finanzier auf die Beine gestellt hat. Auch wenn heute der Trend immer mehr dahin geht, dass ein Filmstudio nicht mehr ausschließlich als einzelner Geldgeber für die Produktion und Vermarktung eines Soloprojektes aufkommt, so geht es in erster Linie darum, was am Ende als Schnitt gewinnorientiert übrig bleibt. Bei einer internationalen Produktion, die in Englisch entsteht, ist die Vakanz ein möglichst weltweit umfassendes Publikum zu erreichen um einiges höher angesiedelt als wenn nur nationale Märkte bedient werden. Dementsprechend verweist dieser Tage der französische Regisseur Luc Besson darauf, dass ASTERIX BEI DEN OLYMPISCHEN SPIELEN der teuerste französische nationale Film mit einem Budget von rund 78 Millionen war, während seine aktuelle internationale Produktion von VALERIAN AND THE CITY OF A THOUSAND PLANETS, die auf Englisch entsteht, mit einem Budget von jetzt rund 180 Million US-Dollar veranschlagt wird.

Im Umkehrschluss bedeutet dies für eine deutschsprachige Filmproduktion im Vorfeld zu eruieren, wie viele Zuschauer ein Film ins Kino locken muss, damit er sich als rentabel erweist. Bei einer Weltbevölkerung von fast rund 7.5 Milliarden Menschen ist die Bundesrepublik Deutschland mit nicht mal 1,5 Prozent Anteil vertreten. Englisch wird von rund 1.5 Milliarden Menschen gesprochen, so dass ein ganz anderes Potential an "Kunden" zur Verfügung steht. Aus diesem Grund fallen die Produktionskosten für eine deutschsprachige Produktion um einiges geringer – trotz Fördergelder – aus, so dass auch nur bestimmte Genrethemen mit dem entsprechend zur Verfügung stehenden Geld bewältigt werden können. Da sind Komödien nun mal die "leichteste Bank", da Dramen sich oftmals weniger als Publikumsmagneten eignen.

Betrachtet man die Entwicklung des derzeitigen ausklingenden Kinojahres, dass bis auf wenige Ausnahmen in erster Linie Comic-Adaptionen und dreidimensionale Zeichentrickfilme die großen Erfolge im diesjährigen Boxoffice waren, geraten sogenannte Star-Filme immer weiter ins Hintertreffen. Selbst vereinzelte Franchise-Nachzieher wie INFERNO mit Tom Hanks, der gerade mal die Hälfte des Vorgängerfilms ANGELS AND DEMONS kostete oder BRIDGET JONES'S BABY, der mit 35 Millionen fünf weniger kostete als sein zwölf Jahre älterer Vorgänger, können sich glücklich schätzen die 200 Millionen-Einspielgrenze gezwungen zu haben.

Es ist sicherlich kein Zufall, dass manch' versierter Filmstar sich heute immer mehr in (fortlaufenden) Mini-Serien intelligent umgesetzter US-amerikanischer TV-Serien einbringt. Die Showrunner solcher Projekte sind die Qualitätsmanager der heutigen Unterhaltungsindustrie, die weitaus mehr kreativen Input zu nutzen und einbringen zu wissen, als dies die meisten filmischen Großproduktionen für die Leinwand aufzeigen.

Hier wäre sicherlich auch Potential für den deutschsprachigen Markt vorhanden. Leider weist die GEZ-finanzierte ARD dies in erster Linie gefühlt eher in neu zu fertigende TATORT-Beiträge umzumünzen.
Wirklich anspruchsvolle Produktionen von Format setzen sich in der Regel mit deutscher Vergangenheitsbewältigung auf, welche sicherlich sehr gelungen umgesetzt sind, wie dies beispielsweise Beiträge wie DEUTSCHLAND 83 oder UNSERE VÄTER, UNSERE MÜTTER bewiesen haben. Nur statt solcher 'Lehrattitüden' kann es doch eigentlich gar nicht so schwer die Form eines deutschen Ableger der ersten Staffel von TRUE DETECTIVE etwa zu entwickeln.
Actionspektakel werden schon seit Jahren von action concept für RTL entwickelt, wobei die Serie "Alarm für Cobra 11 – Die Autobahnpolizei" sich zum internationalen Verkaufsschlager entwickelt hat, der weltweit sogar die Fernsehkrimi DERRICK abgelöst hat. Da geraten die Kosten für einen deutschen Actionfilm für Kino vermutlich ins Hintertreffen weil hier weniger Geld reinkommt.
Man wird Weihnachten ja sehen was RTL aus dem Karl May-Vermächtnis von WINNETOU herausgeholt hat. Die grosse Erfolgsreihe der Sechziger in den bundesdeutschen Kinos scheint als heutiges Kino-Event auch zu risikobehaftet für den deutschen Markt zu sein, während ein internationales Vergleichsobjekt vermutlich in Hollywood nicht nur das Remake vom Remake schon ins Leben gerufen hätte, da hier die Kosten für eine "Marke" schon außen vor wären. So stehen die nächsten Monsterfilme à la Mumie und King Kong schon in den Startlöchern wobei heutiges Klassenziel der Macher ist, die einzelnen Figuren zu einem Genre verzweigten Crossover zu vereinigen wie es schon bei den AVENGERS der Fall war.

So bleibt meines Erachtens der deutsche Film dieser Tage dann verdammt, wenn er bei seinen typischen Eigenheiten bleibt, deren Lebensgefühl andere Nationen nicht nachvollziehen können. Dazu gehört auch der deutsche Humor in der Regel, weshalb ein Trash-Perle wie FUCK JU GÖHTE im nationalen Fahrwasser hängenbleibt.
Auch wenn Til Schweiger für viele ein rotes Tuch ist, wünsche ich mir doch, dass er mit der anstehenden Neuverfilmung seiner Tragikkomödie HONIG IM KOPF auch im Ausland einen veritablen Hit landet. Denn die Art und Weise, wie der Film arbeitet und funktioniert, ist meines Erachtens von einem internationalen Klassiker des Genre wie RAIN Man gar nicht so weit entfernt.


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Martin

Brosnans Last Line of Defense

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Montag, 26. Dezember 2016, 01:20

Das Deutsche Kino finde ich gar nicht so schlecht wie es gerne geredet wird. Grandios finde ich die Zeit Ende der 90er/Anfang 2000er, als so großartige Thriller wie "Anatomie", "Das Experiment" oder "Antikörper" rauskamen. Ich hab das Gefühl, damals wurde sich mal so richtig was getraut. Heute sind mir die Wohlfühlkomödchen für die ganze Familie a la Til Schweiger deutlich zu dominant, wobei "Fack ju Göhte" nu wirklich mal lustig war. Dabei sind brauchbare Filmemacher und Drehbuchautoren vorhanden, die Filme im Stil der eingangs Erwähnten auf die Beine bringen könnten, da muss ich mir nur die jährlichen Finalisten des Shocking Shorts Arwards ansehen, da sind teils phantastische Kurzfilme dabei, die in zehn Minuten mehr Spannung erzeugen als ein Hollywood-Zweistünder.


Stimmt, in den 90ern gab es viele sehr gute deutsche Filme. Ich fand auch die Komödien aus dieser Zeit größtenteils gelungener. Viele deutsche Filmschaffende sind ja der Meinung, dass wir in den 90ern mit allem schon mal wesentlich weiter waren.

Genre-Produktionen haben immer den Ruf, besonders teuer zu sein. Dabei kann man gerade im Bereich Horror und Thriller mit sehr begrenzten Mitteln großartige Filme drehen. Sowas wie "Blair Witch Projekt", "REC", "Paranormal Activity", "Phone Booth", "Buried", "Saw", "Cube", "Hard Candy", etc. pp. wäre alles ohne weiteres in Deutschland machbar gewesen. Derartige Filme beweisen, dass Geld eigentlich nicht der alles entscheidende Faktor ist. Niemand wird hier daran gehindert, mit einer Kamera in den Wald zu gehen oder in seinem Schlafzimmer einen Horrorfilm zu drehen, oder einen Darsteller einfach in einen Sarg zu legen, etc. Ich verstehe seit Jahren nicht, wieso sowas in Deutschland fast niemand macht. Selbst wenn solche Filme im Kino floppen, sie finden ihr Publikum, wenn sie gut gemacht sind.

Ich sehe das Problem da hauptsächlich an zwei Stellen. Zum einen an den Filmhochschulen, an denen seit Jahrzehnten eine gewisse 'Think small'-Mentalität gelehrt wird. Immer schön authentisch und realistisch sein, gesellschaftliche Probleme abbilden, aber bitte nie auf irgendeine Position festlegen, weil das dem Leben ja nicht gerecht wird. Heraus kommen dann Filme, in denen die Darsteller vor sich hin nuscheln und bei denen man am Ende denkt "So what?". Niemand wird dort ermutigt, einfach gut zu unterhalten oder mutig zu sein. Stattdessen geht es um Cliquen-Bildung, gegenseitige Schulterklopfen und Jobs zuschanzen. Ich erinnere mich da immer an Roland Emmerich, der bei der Frage nach seinen deutschen Lieblingsfilmen an der Uni die Karl-May-Verfilmungen angab und nur Lachen und Naserümpfen erntete. An dieser Einstellung hat sich seitdem wohl nicht viel verändert.

Zum anderen das ganze Fördersystem, bei der die ÖR-Sender großen Einfluss haben. Das andere Ende der Pipeline. Ein Drehbuch, das durch zig Förderanstalten in der ganzen Republik herumgereicht wird, ist am Ende rundgelutscht und tut niemandem mehr weh. Und unterscheidet sich am Ende auch nicht mehr groß von einem Fernsehfilm. In dieser Blase kann man jahrzehntelang am Publikum vorbei drehen und Flops in Folge produzieren, ohne echte Konsequenzen zu befürchten. Es fehlt da ein wenig die "natürliche Selektion", die es in einem echten funktionierenden Markt geben würde.

Scarpine

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Dienstag, 27. Dezember 2016, 19:21

@ photographer & Martin

Zwei sehr informative und interessante Beiträge! Mit dem investierten Geld und der Frage der Refinanzierbarkeit schneidet photographer natürlich einen entscheidenden Punkt an. Natürlich sind große Budgets ein enormes Risiko und daher kommen Genres wie der Action-, der Fantasy-, der Superhelden*- oder der Science-Fiction-Film für Produzenten hierzulande einfach nicht infrage. Die Konkurrenz aus Hollywood ist schlicht zu erdrückend. Vermutlich besteht in diesem Bereich die einzige Chance darin, sich an großen europäischen Co-Produktionen zu beteiligen oder aber im Idealfall gleich mit den Major-Studios Verträge abzuschließen. Das ist in der jüngeren Vergangenheit ja auch gelungen; siehe zum Beispiel Stefan Arndt (X-Filme) mit Cloud Atlas. Auch Deutschland als Drehort hat enorm an Reiz gewonnen, wenn man sich einmal ansieht, wie viele Kooperationen es in den letzten zehn Jahren zwischen Babelsberg und Hollywood gab. Insofern ist die Filmförderung ein zweischneidiges Schwert: Auf der einen Seite macht sie ausländischen Produzenten Deutschland als Drehort schmackhaft, auf der anderen Seite - da bin ich ganz bei Martin - behindert sie den hiesigen Filmmarkt.

Ich finde nämlich auch, dass das Förderungssystem den Wettbewerb und überhaupt die Filmwirtschaft hierzulande verzerrt. Selbst bei einem Flop verliert der Produzent praktisch kein Geld, weil ein Großteil des Etats ja aus öffentlich-rechtlichen Fördertöpfen stammt und de facto nur verbranntes Allgemeingut darstellt. Insofern sehe ich das deutsche Kino auch in einer Blase gefangen, weil durch den nie versiegenden staatlichen Verteilungsapparat dem Zuschauer im Hinblick auf die Problematik Erfolg/Misserflog ein Stück weit die Sanktionierungsmöglichkeiten abhanden gekommen sind. Wenn die Fördertöpfe also wegfallen würden, wären die Produzenten wieder gezwungen, mit mehr Elan und kreativem Engagement ans Werke zu gehen, um nicht am Publikum vorbei zu produzieren. Außerdem ist der Genre-Film auch mit begrenzten Möglichkeiten realisierbar.

Genau wie Martin hatte ich auch den Horrorfilm und den Thriller im Hinterkopf. Beides sind Genres, die verhältnismäßig wenig Kosten verursachen und dabei trotzdem gute Schauwerte liefern, den Zuschauer packen und im Idealfall "großes" Kino werden können. Ich verstehe nicht, wieso das kaum jemand versucht. Auch die Edgar Wallace-Filme der Sechziger Jahre waren als Kriminalthriller - abgesehen von dem Umstand britisches Flair liefern zu müssen - sehr kostengünstig produziert worden. Und der Thriller bietet einfach soviele Möglichkeiten. Nicht umsonst hat zum Beispiel Quentin Tarantino immer wieder betont, dass jemand wie Jean-Pierre Melville bessere Gangsterfilme gemacht habe, als jeder amerikanische Regisseur. Es ist also möglich, wenn man nur will.

Und tatsächlich scheinen die Filmhochschulen mit ihrer "Think small"-Mentalität hier mit ein Problem zu sein (Gruß an Martin). Dieser ganze Akademie-Stil, wo Regisseure ihre ganze Karriere über Filme der Marke "Hochschul-Abschluss"-Film machen, ist wirklich ermüdend. Und das gleich aus mehreren Gründen: Einmal sind in diesem Stil wenige Filmemacher so gut wie beispielsweise ein Christian Petzold oder ein Hans-Christian Schmid und durch die Fülle solcher Produktionen fehlt dem deutschen Kino einfach die Vielfalt. Das einzige, was das hiesige Kino noch weniger braucht als Komödien, sind Seelen- und Sozialdramen... Ein anderes Problem dieser "Problemstreifen" und auch dem deutschen Kino in der Breite ist, dass viele Inszenierungen entweder auf Fernseh-Niveau sind oder einen ausgeprägten Theater-Charakter haben. Häufig stehen nur die Schauspieler im Mittelpunkt, was gegenüber den Effektorgien Hollywoods zwar lobenswert ist, aber zugleich ein massives Problem darstellt: Denn Kino ist einfach kein Theater.

Selbst vom klassischen (auch deutschen) Autorenfilm der Siebziger Jahre sind diese Filme meilenweit entfernt, weil sie das entscheidende Moment des Mediums vernachlässigen: Den filmischen Gestus bzw. die Wirkmacht der Bilder. Deutsche Filme bestechen meist durch einen gewissen Ernst und enorme schauspielerische Klasse, aber sie offenbaren leider auch allzu oft ein mangelhaftes Verständnis für Bildsprache und Inszenierung. Es gibt keine besonderen Einstellungen, intelligenten Perspektiven, erzählerische Kniffe oder große, epische Bildmomente. Allles wird meist nur nach dem 08/15-Lehrbuchprinzip von A bis Z heruntergekurbelt. Das hält man wohl hierzulande und heutzutage für seriöses Kino. Bitte, keine Experimente! Das trifft nicht auf jeden deutschen Regisseur oder Film zu, aber in der Breite sehe ich da schon ein massives Problem...

* Wobei auch Comic-Verfilmungen eine Option wären. Es gibt schließlich auch genug Comics ohne Superhelden oder gewaltige Szenarien, die sich mit überschaubaren Kosten verfilmen ließen.
"Enjoying our little party, Monsieur... Saint John Smythe?"

Scarpine

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15

Donnerstag, 29. Dezember 2016, 19:40

Jet-Set Girl und Spionage aka Anita Drögemöller und die Ruhe an der Ruhr (1976)

Ein Kinofilm aus der Spätphase des Krimispezialisten Alfred Vohrer (Der Zinker, Unter Geiern). Man wundert sich nicht, dass er bald darauf zum Fernsehen abwanderte: Lauer Stoff, schwaches Drehbuch, austauschbare Darsteller, billiges Produktionsflair. Dementsprechend lustlos hat der alte Hase Vorher diesen Käse heruntergekurbelt. Man wundert sich fast, dass sein Name im Vorspann steht, denn da hätte auch der Name jedes anderen Regisseurs stehen können, so uncharakteristisch und blass ist die Inszenierung. Es gibt keinen seiner interessanten Bildeinfälle und Einstellungen wie in den Sechziger Jahren (Vohrers große Zeit!), aber auch die kraftvoll-dichte Spielleitung seiner Simmel-Filme der frühen Siebziger Jahre, die durchaus zu empfehlen sind, fehlt hier völlig. Lediglich bei den Rückblenden und dem sehr knappen Finale erahnt man ein wenig den "alten" Vohrer. Aber wo soll der Elan auch herkommen? Der Produktion merkt man ihre limitierten Mittel an und die Handlung um einen Ruhrpott-Kommissar und eine Edel-Prostituierte, die nebenher Wirtschaftsspionage für Gangster betreibt, ist dermaßen klischeehaft und aufgesetzt, dass es einen wirklich gruselt. Leider ist es der falsche Grusel.

Das Ganze hätte vielleicht noch einigermaßen funktioniert, wenn das Drehbuch gestimmt hätte. Aber nein, das Script ist so billig wie der effektheischende Milieu-Jargon, den die Drögemöller und ihre Hintermänner hier zum Besten geben. Kolportagestimmung ist zwar genug vorhanden, aber was nutzt das, wenn dem Film Spannung und Ernsthaftigkeit durchweg abgehen. Daran tragen auch die Schauspieler eine erhebliche Mitschuld. Monique van de Ven (Türkische Früchte, Amerstdamned) ist völlig blass in der Titelrolle und Harald Leipnitz (Der Ölprinz, Die Schlüssel), den man aus diversen Sixties-Thrillern eigentlich als schneidigen Ermittler kennt, agiert hier völlig gelangweilt. So kann die klischeehafte Liebesgeschichte schon gar nicht funktionieren und lässt den Zuschauer dann auch völlig kalt. Die restliche Besetzung ist ausdruckslos. Lediglich Alf Marholm (Die Bande des Schreckens, Das Totenschiff) und Rudolf Schündler (Der Exzorist, Der amerikanische Freund) verbreiten ein wenig Klasse, ohne über ihre stereotypen Rollen hinaus viel leisten zu müssen.

Fazit: Misslungener Kolportage-Thriller von Alfred Vohrer, der zu diesem Zeitpunkt seine besten Tage schon lange hinter sich hatte.
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