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Kronsteen

James Bond Club Deutschland - SPECTRE Nr. 005

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Samstag, 25. Mai 2013, 22:12

Beyond The Truth

Thorsten Beckmann




präsentiert




Ian Flemings James Bond 007




in




BEYOND THE TRUTH
































1 - Après-Ski mit Aprewski





James Bond stoppte gekonnt bei ein paar Tannen. Er stützte
sich auf seine Skistöcke und sah sich um. Schnee rieselte auf seinen Skianzug.
Ein leichter Wind ging und kein Wölkchen trübte den blauen Himmel. Irgendwo
hier musste sie sein, die Skihütte von Morris. Henry Morris war ein
professioneller Dieb und Einbrecher. Man sagt er wäre an dem tollkühnen Versuch
die Kronjuwelen aus dem Tower von London zu rauben, der nur durch einen
glücklichen Zufall entdeckt und verhindert werden konnte, beteiligt und sogar
der führende Kopf der Bande gewesen. Doch man konnte ihm nichts nachweisen. Nun
war es eben diesem Morris geglückt streng geheime Pläne von neuen U-Boot-Typen
zu stehlen. Im Ministerium ging man davon aus, dass er nun versuchte die CD mit
den Daten gewinnbringend an einen anderen Geheimdienst zu verkaufen. Man folgte
seiner Spur bis nach Innsbruck wo Bond herausfand, dass Morris hier eine
Skihütte besaß. Wer der Abnehmer für die CD sein würde, war ihm ebenfalls klar.
Es konnte sich nur um den russischen Geheimdienst handeln. Äußerste Vorsicht
war geboten und er musste schnell zuschlagen, wenn er Morris erledigen und den
russischen Kontaktmann überraschen wollte.


Plötzlich wurden Bonds Gedankengänge unterbrochen, etwas
zischte dicht an seinem rechten Ohr vorbei, hinter ihm splitterte Holz. Ein
Schuss hatte die melancholische Stille der verschneiten Bergwelt beendet! Rasch
sah Bond sich um und erblickte unweit von sich zwei bewaffnete Männer hinter
einer Schneewehe. Es mussten angeheuerte Schläger von Morris sein, kein Schütze
des russischen Geheimdienstes hätte ihn auf diese kurze Distanz so verfehlt.
Bonds Armmuskeln spannten sich an, schnell und kraftvoll stieß er sich ab und
glitt an den Tannen vorbei Richtung Tal. Doch auch seine beiden Verfolger
verloren keine Zeit und setzten ihm sofort nach. Einer von beiden musste eine
Maschinenpistole haben, denn Bond hörte die Schüsse, merkte wie der Schnee um
seine Skier und Skistöcke herum aufgrund der Kugeleinschläge aufstob. Er wagte
nicht zurückzublicken, sein Gehirn arbeitete beinahe automatisch an einem Plan
um die beiden loszuwerden. Als Bond schließlich merkte, dass sein Vorsprung immer
größer wurde und die beiden Schläger wohl ebenso schlechte Skifahrer wie
Schützen waren, fasste er einen Plan. Ganz in der Nähe war ein Abhang, eine
steile Felswand…


Bond verlangsamte etwas, änderte seine Richtung und hielt
auf den Abhang zu. Seine beiden Verfolger kannten die Gegend anscheinend
ebenfalls und teilten sich, um ihn in die Enge zu treiben. Dies war Bond nur
recht, so konnte er sie sich einzeln vorknöpfen. Er blickte zurück, schätzte
die Wege der beiden Schläger ein und hielt weiter auf den Abhang zu. Drohend,
wie eine bodenlose Pforte zum Tod kam der Abhang immer schneller immer näher
und während sein Verfolger schon langsamer wurde hielt Bond unbeirrt auf den
Abgrund zu.


Erst im letzten Moment riss er die Skier herum, machte eine
90°-Drehung und schnitt elegant am Abhang vorbei bis er schließlich stoppte. Sein
Verfolger kam unaufhörlich näher und auch von der anderen Seite konnte Bond
schon den herannahenden Schläger sehen. Wie er es vermutet hatte, hatten beide
ihre Waffen weggesteckt um sich ganz auf das Skifahren zu konzentrieren, denn
jeder Fehltritt könnte hier mit einem tiefen Fall bestraft werden. Die beiden
Schläger fühlten sich ganz siegessicher, Bond war in die Enge getrieben und
wohl bald im freien Fall ins Tal zurückkehren. Ein Schubs würde schon genügen.
Sie kamen immer näher, unaufhaltsam auf Bond zu. Dieser reagierte blitzschnell.
Er streckte seine rechte Hand aus, die spiegelnde Substanz auf der Innenfläche
des Handschuhs reflektierte die Sonnenstrahlen geradewegs in die Skibrille von
Bonds direktem Verfolger. So geblendet kam er ins Schlingern, seine Skier
streiften einen großen Stein, der Mann verlor das Gleichgewicht und segelte mit
lauten Aufschrei über die Klippe!


Geschwind drehte Bond sich jetzt zu dem anderen Schläger um,
der von Wut getrieben nun auf direktem Kollisionskurs mit ihm war und immer
näher kam. Bond hob seinen linken Skistock, zielte und feuerte. Ein Stahlnagel
durchbrach fast geräuschlos die Luft, den Skianzug des Schlägers und ging
direkt in sein Herz. Der Mann zuckte zusammen, sein Körper erschlaffte,
schlingerte über den Rand des Abgrunds und fiel.





Bond sah ihm ohne mit der Wimper zu zucken nach. „Der erste
Mann, dem ich das Herz gebrochen habe.“





Unbeschwert als wäre gar nichts passiert, setzte Bond seinen
Weg zur Skihütte fort und erreichte schließlich kurze Zeit später sein Ziel.


Einsam und ganz idyllisch lag die kleine, dunkle Blockhütte
in einem verschneiten Winkel. Man könnte sie für verlassen und leer halten wenn
da nicht frische Spuren von Skiern wären, die direkt zur Tür der Hütte führten.
James Bond, gekleidet in einen weißen, unauffälligen Skianzug hielt auf ein
kleines Tannenwäldchen in der Nähe zu, nachdem er die Hütte ausgekundschaftet
hatte. Dort legte er die Skistöcke beiseite, schnallte sich die Skier an und
verstaute alles hinter einem der Bäume. Schließlich zog er die weiße Skimütze
über das Gesicht und tastete sich langsam zur Blockhütte vor. Seine einzige
Deckung bestand aus seinem Anzug, denn die Hütte besaß an jeder Seite ein
Fenster und hatte dementsprechend keinen toten Winkel. Langsam und sehr bedacht
robbte Bond immer weiter vor. Regelmäßig hielt er inne und lauschte, doch jedes
Mal war sein eigener Atem das Einzige was er hörte. Schließlich erreichte er
die Westseite der Hütte, an der das Kaminholz lagerte. An der Nordseite befand
sich die Tür. Schnell stand Bond auf und presste sich neben dem Fenster an die
stabile Holzwand der Hütte. Er griff sich einen der Holzscheite, klopfte damit
gegen das Fenster und schmiegte sich an der Wand entlang zur nordwestlichen
Ecke. Er hob das Holzscheit hoch und lauschte angespannt, jederzeit bereit
zuzuschlagen.


Leise hörte man schwere Schritte auf Holzbohlen, Morris
öffnete die Tür, seinen Revolver entsichert und schussbereit in der Hand. Er
wusste schon lange, dass man ihn verfolgte und er hatte eigentlich fest damit
gerechnet, dass Roland und Wilhelm, die beiden Schläger, die er extra noch zu
seinem Schutz in Innsbruck angeheuert hatte, ihm genug Zeit verschafften um den
Deal über die Bühne zu bringen und zu verschwinden. Doch etwas musste schief
gelaufen sein oder hatte das Geräusch am Fenster eben einen ganz anderen Grund?


Der schmächtige Morris ging vorsichtig weiter und trat mit
schneller Bewegung um die Ecke, doch Bond reagierte sofort und Morris spürte
einen harten Schlag, einen stumpfen Schmerz und ging bewusstlos zu Boden. Der Schuss,
der sich löste, verpuffte wirkungslos in der kalten Bergluft.


Bond nahm den Revolver an sich, durchsuchte Morris und
schleifte ihn schließlich in die Hütte. Die Hütte war nur spärlich
eingerichtet. Rechts waren ein Vorratschrank und eine kleine Sitzecke, links
ein Bett und der Tür gegenüber war der Kamin, stilvoll mit einem Bärenfell
davor. Morris’ Skier und Skistöcke lehnten neben der Tür. Bond wuchtete Morris
auf das Bett und sah sich dann um. Die gestohlene CD lag offen auf dem Tisch
der Sitzecke. Er nahm sie an sich, setzte sich auf einen der beiden alten Holzschemel,
die vor dem Tisch standen, und wartete mit gezücktem Revolver darauf, dass
Morris wieder zu sich kam.


Es dauerte nicht lange bis Morris sich regte. Mühsam
richtete er sich auf und hielt sich das schmerzende, aufgescheuerte Kinn. Sein
schlankes, eingefallenes Gesicht und die tiefen Ränder unter seinen Augen
ließen keinen Zweifel, dass dieses Genie unter den Dieben Englands dem
Rauschgift ergeben war. Bond blickte ihn hart an. „Wer ist ihr Kontaktmann,
Morris? Mit wem wollten sie sich hier treffen?“





Morris’ Gehirn arbeitete auf Hochtouren, er lotete seine
Chancen zur Flucht ab. „Sie… sie können die Waffe ruhig senken, Mister. Die CD
haben sie schon und körperlich überlegen sind sie mir auch. Stecken sie die
Waffe weg und ich werde ihnen alles sagen, was sie wissen wollen.“





Bond taxierte Morris misstrauisch, lenkte aber schließlich
ein und steckte den Revolver weg. „Also? Wer ist ihr Kontaktmann?“





„Nun, wie sich sicher denken können ist es ein Russe. Agent
des russischen Auslandsgeheimdienstes, dem SWR.“ Morris’ rechte Hand löste sich
von seinem Kinn. Er stützte sich damit neben dem altmodischen Federkissen auf.





„Soviel kann ich mir schon selber zusammen reimen, Mr.
Morris. Der Name und zwar schnell!“





„Ja, schnell können sie haben, sehr schnell.“ Etwas in
Morris’ Ton gefiel Bond nicht. Instinktiv setzte er sich in höchste
Alarmbereitschaft. „Der Name meiner Kontaktperson ist Aprewski. Einfach nur
Aprewski.“ Morris sprach ungewöhnlich sanft. Kaum hatte er das letzte Wort
vollendet, holte er blitzschnell mit seiner rechten Hand einen Dolch unter dem
Kissen hervor, hob sie stichbereit empor und stürzte sich auf Bond!


Bond, der schon auf eine Attacke vorbereitet war, stützte
sich mit den Armen am Tisch hinter sich. Morris’ Hand sauste tödlich hinab, er
fühlte einen Stoß, einen stechenden Schmerz, Blut breitete sich auf dem
Skianzug aus. Morris’ glasige Augen blickten ihr Gegenüber erstaunt an. Bond
hatte just in dem Moment kurz bevor die Klinge ihn erreichte mit einem harten
Tritt Morris’ Hand abgelenkt. So abgelenkt, dass sich der Dolch unnachgiebig in
Morris’ Bauch bohrte. Morris schwankte, fiel gurgelnd hintenüber und blieb tot
auf dem Bärenfell liegen. Eine blutige Spur seiner Hand kündete am Bettpfosten
von seinem letzten Versuch Halt zu finden.





„Kleinvieh macht nur Mist“, kommentierte Bond und stand auf.
Er zog den blutverschmierten Dolch aus dem Körper des unbedachten Diebes und
hob Morris schließlich auf das Bett wo er den recht klein gewachsenen Mann mit
der Federbettdecke bedeckte. „Nicht jeder hat so eine weiche letzte Ruhe. Sie
sollten mir dankbar sein, Mr. Morris.“





Der Geheimagent setzte sich wieder auf den Schemel und holte
Morris’ Revolver hervor. Er wartete und lauschte. Nachdem er eine knappe halbe
Stunde in der Hütte ausgeharrt hatte, hörte Bond wie sich jemand der Hütte
näherte. Er stand auf, presste sich neben der Tür an die Wand und hielt die
Waffe bereit. Es klopfte. „Aprewski?“, fragte Bond mit verstellter Stimme.
„Da“, war gedämpft von draußen zu hören. „Treten sie herein. Sie sind spät.“


Langsam öffnete sich die Tür und eine Person in dunklem
Skidress betrat die Hütte. Ein Klicken ertönte, die Person zuckte zusammen.
Bond hatte den Revolver entsichert. Er war genau auf den Kopf mit der
dunkelblauen Skimütze gerichtet. „Sie sind zu spät, wollte ich sagen“, begann
Bond hart. „Der Deal findet nicht statt!“ Eine Regung durchfuhr Aprewski. „Keine
Mätzchen“, warnte der britische Agent.





„Keine Angst. Ich werde mich nicht wehren. Aber vielleicht
kann man sich irgendwie gütlich einigen.“ Aprewski zog sich die Skimütze vom
Kopf, wendete eben diesen Bond zu und sah ihn an. Bond ließ langsam den Revolver
sinken. Er blickte in blitzende graublaue Augen in einem ebenmäßigen, hellen
und jugendlichen Gesicht, das von braunen, leicht gewellten, schulterlangen
Haaren eingerahmt wurde. „Ich heiße Anna“, formten ihre vollen, sinnlichen
Lippen. Der Brite war ihrem Charme sofort erlegen und auch Anna schien an dem
was sie sah Gefallen zu finden. „Mein Name ist James.“





„James Bond nehme ich an.“ Dieser nickte. „Was haben sie mit
Morris gemacht?“
"Wer ist schon Bond im Vergleich zu Kronsteen?!"

Kronsteen

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Samstag, 25. Mai 2013, 22:12

Bond deutete mit dem Revolver auf das Bett. „Den habe ich
schlafen geschickt. Wir sind also ungestört bei unseren ‚Verhandlungen’.“





Anna lächelte und begann damit ihren Skianzug zu öffnen.
„Etwas kühl ist es hier, findest du nicht, James“, kam es heiser von Anna.





Bond legte den Revolver beiseite. „Zum Glück weiß ich wo das
Feuerholz ist.“





Eine Stunde später prasselte ein wohlig warmes Feuer in dem
Kamin der kleinen Blockhütte. James und Anna lagen aneinander geschmiegt unter
einer Decke, die sie im Schrank gefunden hatten, auf dem Bärenfell. „Du wirst
mich also vergessen, James?“





„Dich könnte ich nie vergessen, Anna.“





Anna wurde leicht rot und lächelte. „Ich meinte, du wirst
deinen Vorgesetzten sagen, dass niemand gekommen ist um die CD von Morris
abzuholen.“





„Das habe ich dir doch versprochen. Und du wirst sagen, du
hättest die Hütte leer und Morris nur noch tot vorgefunden.“ Anna nickte. „Das
nenne ich geglückte Verhandlungen“, lächelte James und küsste Anna zärtlich.





Eine weitere Stunde später öffnete Anna die Tür der
Blockhütte. Bond schloss gerade den Reisverschluss seines Skianzuges. „Meine
Skier sind bei den Tannen“, bemerkte er.





„Meine auch“, lächelte Anna.





„Dann fahren wir zusammen ins Tal?“





Anna schüttelte den Kopf. „Das glaube ich nicht.“ Mit einer
Hand hielt sie die CD hoch, die sie mit einer Schlaufe an ihr Handgelenk
befestigt hatte, und mit der anderen richtete sie Morris’ Revolver auf Bond.
Dieser griff instinktiv an seine Brust und damit an eine leere Tasche. „Luder!“





„Danke für die schöne Zeit mit dir, James.“ Mit amüsierten
Gesichtszügen griff sie nach einem von Morris’ Skistöcken, trat rückwärts aus
der Hütte, schloss die Tür und verbarrikadierte sie mit dem Stock. Schnell
eilte sie zu dem kleinen Tannenwäldchen.





Bond verfluchte sich und seine Unvorsicht innerlich, doch
empfand er auch Bewunderung für Anna und konnte sich ihrem Charme immer noch
nicht entziehen. Doch nun hieß es handeln und zwar schnell! Er musste sich
einige Male gegen die Tür werfen bis diese schließlich nachgab und er frei war.
Mit unglaublicher Geschwindigkeit sprintete er zu den Tannen. Anna hatte ihre
Skier bereits angeschnallt, winkte Bond noch einmal zu und stieß sich kraftvoll
ab. Es schien sogar als würde sie lächeln. Eilig schnallte sich Bond ebenfalls
die Skier an und griff nach seinen Skistöcken. So schnell es ging nahm er die
Verfolgung auf.





Anna wendete sich um, Schweiß bildete sich auf ihrer Stirn.
Bond holte immer mehr auf, er war wirklich ein beinahe teuflisch guter
Skifahrer. Alle ihre Versuche Bond auf schwieriger Piste über Felsvorsprünge
und zwischen Tannen hindurch abzuhängen konnten Bond nicht aufhalten. Schon
hatte er Parallelkurs eingeschlagen und fuhr nun dicht neben ihr. Anna
versuchte Abstand zu gewinnen, scherte aus um ihn anschließend zu rammen. Doch
Bond hielt dagegen. Anna scherte wieder aus und unternahm einen erneuten
Versuch. Als sie sich dieses Mal berührten war es schließlich an Bond zu
lächeln und danke zusagen, denn er griff sich rasch die CD, die Schlaufe riss
und fluchend wurde nun die Gejagte zur Jägerin. Doch sie konnte nicht fassen welche
Richtung Bond einschlug. Der Atem stockte ihr, als sie merkte dass Bond direkt
auf den Abhang zuhielt, der schon Morris’ Schlägern zum Verhängnis geworden
war. Es war Bonds schnellste Chance zu entkommen und er hatte vor sie in jedem
Fall zu Nutzen. Eigentlich hätte er die Kontaktperson von Morris stellen
müssen, doch sein Herz und sein Instinkt rieten ihm Anna trotz allem laufen zu
lassen. Sie machte wie er nur ihren Job. Die Felskante rückte immer näher und
näher. Als Bond sich ein letztes Mal kraftvoll abstieß und über den Abgrund
segelte kniff Anna erschrocken die Augen zusammen. Sie verlangsamte ihre Fahrt
und stoppte an der Kante. Zitternd sah sie hinab.


Doch es wurde ihr sofort leichter ums Herz als sie eine
weiße Wolke unter sich bemerkte, aufgebläht wie ein Segel im Wind. Sicher
schwebte der britische Agent an einem Fallschirm zu Boden. Als er wieder eine
feste Schneepiste unter sich hatte, entledigte er sich des Fallschirms,
stoppte, wendete sich um, sah zu Anna hoch und winkte ihr zu, bevor er seinen
Weg nach Innsbruck fortsetzte. Würde sie ihn jemals wiedersehen?





2 – Am Weltgeschehen
vorbei






Zurück in London machte sich James Bond vom Flughafen aus
sofort per Underground auf den Weg zum MI6-Hauptquartier. Auf der Straße
zwischen U-Bahn-Station und Geheimdienstgebäude hielt er nur einmal an einem
Zeitungsstand. Dort kaufte er den Tomorrow, der nach Carvers Tod von einem
bekannten Londoner Zeitungsriesen übernommen wurde, und überflog die
Schlagzeilen. „Missglücktes Attentat auf Friedensnobelpreisträger Michail
Gorbatschow.“ „Bekannter russischer Nachrichtentechniker noch immer
verschwunden. Ist er ein Überläufer?“ „Skandal um verseuchte Produkte des
Rum-Herstellers Bacardi. Die Geschäftsführung versichert glaubhaft, dass es
sich nicht um eine Erpressung handelt. Wer steckt hinter dem Terror?“ „Dreister Bilderdiebstahl in Oslo, zwei
Munch-Gemälde entwendet.“ „ Mit Dr. Reginald Jameson nun endlich ein neuer Kopf
für das britische Satellitenprojekt gefunden. Nach dem überraschendem
Selbstmord seines Vorgängers Sir William Otterborough lag das Projekt ein Jahr
lang brach und wurde um mehrere Jahre in der Entwicklung zurückgeworfen.“





Bond seufzte, die Welt war in Bewegung und er, der Top-Agent
seiner Majestät, durfte nur hinter gewöhnlichen Dieben herjagen. Irgendwie
spürte er, dass es einen Zusammenhang zwischen dem russischen Nachrichtentechniker
und dem Tod von Sir William geben musste. Bond faltete die Zeitung wieder
zusammen und setzte seinen Weg fort.





Die Tür von Ms Vorzimmer öffnete sich. Moneypenny unterbrach
ihr Tippen und schaute erwartungsvoll zur Tür. „James!“, rief sie freudig.
„Schön, dass du wieder da bist!“





Bond trat herein und ließ sich flegelhaft auf Moneypennys
Schreibtisch nieder. „Hat sich da etwa jemand Sorgen um mich gemacht?“, fragte
er ganz unschuldig.





„Ich sorge mich um jeden unserer Topagenten“, entgegnete
Moneypenny kokett. „Alles gut aussehende und gestandene Mannsbilder.“





Bond machte große Augen. „Penny! Du wirst mir doch wohl
nicht untreu werden? Besonders wo deine Sorge nur allzu berechtigt war. Ich
wandelte während der Mission ständig am Rande des Abgrunds!“





„Oh“, meinte Moneypenny bedauernd. „War es wirklich so
schlimm?“





Bond seufzte. „Nein, leider nicht. Es war eigentlich kaum
etwas anderes als ein gewöhnlicher Skiurlaub. Ich brauche mal wieder eine
Mission, die mich richtig fordert.“





„Na dann drücke ich dir mal beide Daumen, James“, lächelte
Moneypenny und drückte einen Schalter der Sprechanlage. „007 ist jetzt da.“
„Danke“, ertönte Ms Stimme. „Schicken sie ihn herein.“ Bond stand auf und ging
zur Tür, an der er sich noch einmal umdrehte. „Bis später und lauf mir nicht
weg“, grinste er und betrat schließlich Ms Büro. Moneypenny sah ihm
kopfschüttelnd und mit einem belustigten Gesichtsausdruck nach.





M blickte Bond an als dieser das Büro betrat. „Sie kommen
spät, 007. Setzen sie sich.“





Bond leistete Ms Anweisung Folge und ließ sich in dem Stuhl
vor Ms Schreibtisch nieder. Er hob den Tomorrow hoch und legte ihn schließlich
auf den Schreibtisch neben einen Stapel Akten. „Ich habe noch Zeitung gelesen
auf dem Weg von der U-Bahn hierher.“





M verzog keine Miene. „Das meine ich nicht. Was hat sie so
lange in Innsbruck festgehalten? Sie hätten schon einen Flieger eher hier sein
müssen. Haben sie die CD?“





„Sicher. Hier bitte.“ Bond griff in die Innentasche seines
Sakkos, holte die CD hervor und warf sie locker vor M auf die Schreibunterlage.





„Was ist mit Morris’ Kontaktmann?“ Scharf sah M Bond an,
doch dieser hielt dem Blick stand. „Er kam nicht. Das erklärt auch meine Verspätung.
Ich habe lange in der Skihütte gewartet, vergeblich.“ Er konnte Anna noch immer
nicht verraten.





„Und Morris?“





„Der ist kalt gestellt und ruht sehr sanft.“





„Gut.“ M erhob sich. „Dann kommen wir zu ihrem neuen
Auftrag.“





Bond nickte wissend und deutete auf die Zeitung. „Ich weiß
schon. Unser neues Satellitenprojekt. Irgendetwas ist da faul.“





„Nein“, war zu Bonds großem Erstaunen Ms Antwort. M öffnete
einen Schrank und griff nach einer Karaffe. „Auch einen Bourbon?“ Bond nickte.
M griff nach zwei Gläsern, stellte alles auf dem Schreibtisch ab und schenkte
ein. „Eis?“ „Ja, gerne.“ M holte aus dem Schrank nun auch eine Schale mit
Eiswürfeln und ließ einige in die Gläser fallen. Dann räumte sie die Schale und
die Karaffe wieder weg und setzte sich. Sie griff nach ihrem Glas, nahm einen
Schluck und sah Bond an. Er konnte Besorgnis in ihrem Blick erkennen. Eine
längere Pause entstand. M öffnete ein paar Mal den Mund um ihn aber sofort mit
einem kurzen Schütteln des Kopfes wieder zu schließen. Es schien als suche sie
noch nach den richtigen Worten. Taktvoll drängte Bond sie nicht, sondern
wartete ruhig ab. Zwischendurch griff er zu dem Whiskyglas und nahm ebenfalls
einen Schluck. „Nun“, begann M schließlich. „Es geht um Terrorismus.“ Bond
runzelte die Stirn, es konnte sich doch nicht um diese Bacardi-Affäre handeln.
Oder etwa doch? „Wie gesagt, es geht um Terrorismus“, fuhr M fort. „Es handelt
sich um Bombenattentate auf die Plantagen von kubanischen Pflanzern. Todesopfer
gab es keine, bis auf einen der Attentäter der die Zündzeit falsch eingestellt
und die Felder nicht schnell genug verlassen hatte. Allerdings sind bisher
viele Pflanzungen komplett vernichtet worden.“





„Nun, bedauerlich“, zuckte Bond mit den Schultern. „Aber was
hat das mit uns zu tun?“





M atmete tief durch. „Die Spur dieses toten Attentäters
konnte zurückverfolgt werden bis nach England.“ „Sie meinen der Auftraggeber
sitzt in unserem Land?“, unterbrach Bond. Doch M, die sich nicht unterbrechen
ließ führte weiter aus. „Zurückverfolgt werden bis zu Sir Henry Westham.“





Bond stockte der Atem, fast hätte er das Glas fallen
gelassen. „Unser Henry Westham? Der berühmte Sir Henry?“





M senkte den Blick und nickte. Sie presste kurz die Lippen
zusammen und schaute dann wieder zu Bond. „Der Attentäter wurde von Sir Henrys
Konto bezahlt. Das ist einwandfrei nachgewiesen.“





Bond blickte fassungslos aus dem Fenster. Das konnte doch
nicht sein! Wie war das möglich? Ausgerechnet Sir Henry! Die MI6-Legende, die
ebenfalls einmal unter der Decknummer 007 aktiv war! Er leerte sein Whiskyglas
und wendete seinen Kopf wieder zu M. Diese stellte ihr Glas beiseite und
drückte auf einen Knopf des Schaltpultes vor ihr. Das Gemälde von Königin
Elisabeth II., das hinter ihr über dem Aktenschrank hing, fuhr hinab und gab den
Blick auf einen Bildschirm frei auf dem nun das Antlitz und der vollständige
Name von Sir Henry erschien. Es war das Foto eines Mannes mit schütterem,
weißem Haar, aufgedunsenem Gesicht, breiter Nase und müden Augen. Bond und M
blickten zum Bildschirm, M begann mit einem kurzen Dossier über Sir Henry.





„Henry Archibald Westham. Geboren am 25. August 1930 in Edinburgh.
Sohn einer Reederfamilie, eine Schwester, die einen französischen Adligen
heiratete. Seine Eltern starben 1941 bei einem Schiffsunglück. Trotzdem ging er
zur britischen Marine, wurde dort bis zum Lieutenant befördert und kam
schließlich 1958 zu uns. Seine Fähigkeiten ließen ihn nur wenige Jahre später
in die Reihe der 00-Agenten aufsteigen. Seine Nummer war 007. Seinen ersten
großen Erfolg heimste er während der Kubakrise 1962 ein, viele weitere folgten.
Er war unser Top-Agent während des kalten Krieges. 1968 verliebte er sich in
eine Kubanerin und 1969 heiratete er sie schließlich. 1971 wurde ihre einzige
Tochter Havanna geboren. 1977 wurde er aufgrund seiner Leistungen im Dienste
ihrer Majestät zum Ritter geschlagen. 1978 starb seine Frau bei einem
Autounfall. Der Schuldige beging Fahrerflucht und wurde nie gefasst. Sir Henry
fing an zu trinken und wurde noch im selben Jahr in allen Ehren aus dem Dienst
entlassen. Nun lebt er mit seiner Tochter und seinem Neffen, einem Chevalier
Damien de Stroy, in einem alten Landsitz in der Nähe von Bath, wo er sich auch
zurzeit aufhält. Er hat ebenfalls noch ein Haus auf Kuba. Das wäre alles.
Nichts was die Übergriffe auf die Pflanzer erklären könnte, im Gegenteil. Sir
Henry war immer sehr mit der Insel verbunden.“





M drückte auf einen weiteren Knopf, das Gemälde fuhr wieder
hoch. M und Bond sahen sich an. „Sie werden ihm einen Besuch abstatten, 007.
Dies ist eine höchst delikate Angelegenheit, also seien sie diskret. Finden sie
heraus was da gespielt wird. Ich will mit allen Mitteln verhindern, dass unser
Held der ersten Kubakrise nun eine zweite Kubakrise heraufbeschwört. Oder wer
auch immer dafür verantwortlich ist.“ Das Resolute verschwand aus ihrer Stimme
und sie sprach fast tonlos weiter. „Beweisen sie mir seine Unschuld.“





Bond nickte stumm, erhob sich und verließ langsam und
nachdenklich Ms Büro. Moneypenny im Vorzimmer bemerkte natürlich sofort seinen
Gemütswechsel. „Doch kein Auftrag nach deinem Geschmack James?“
"Wer ist schon Bond im Vergleich zu Kronsteen?!"

Kronsteen

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3

Samstag, 25. Mai 2013, 22:13

Aus seinen Gedanken aufgerissen blickte Bond etwas verwirrt
zu Ms Sekretärin. „Nein. Das kann man wirklich nicht sagen.“





„Oh“, meinte Moneypenny bedauernd. „Keine Mission, die dich
an die Grenzen deiner intellektuellen und körperlichen Fähigkeiten bringt?“





„Nun, letzteres im Moment noch nicht. Zurzeit sieht es eher
nach Detektivarbeit aus.“





Moneypenny öffnete die oberste Schublade ihres
Schreibtisches und holte ein Bahnticket hervor mit dem sie keck herumwedelte.
„Nun, dann behalte ich dieses wohl lieber selbst und du läufst nach Bath um
deine Kondition auszureizen“, versuchte sie ihn aufzumuntern. Bond musste nun
doch lächeln. Moneypenny reichte ihm das Ticket und schaute schwärmerisch in die
Luft. „Hach, Bath… Weltkulturerbe, die römischen Bäder, Schwelgen in der
Geschichte“, schwärmte sie. „Erst ein kostenloser Skiurlaub und danach noch ein
Aufenthalt in Bath sofort hintendran. So gut wie du möchte ich es auch mal
haben.“





Bond näherte sich Moneypennys Schreibtisch, beugte sich zu
ihr herüber und nahm ihre Hand. „Dein Platz ist hier, Penny. Hier wirst du
gebraucht. Und es ist schön zu wissen, dass es da jemanden gibt der beharrlich auf
die Rückkehr der Helden wartet und sich um sie sorgt.“ Er schaute Moneypenny
noch einmal lächelnd an und wendete sich dann um. Moneypenny schaute ihm
nachdenklich und etwas besorgt nach als er das Vorzimmer verließ. So ernst
hatte sie ihn noch nie erlebt vor einem neuen Auftrag. Irgendetwas musste ihn
sehr bedrücken.





Bond betrat die Entwicklungsabteilung des MI6. Hier
herrschte wie immer reger Betrieb und die Geräuschkulisse war recht hoch. Ohne
Umschweife ging Bond zu Q, der gerade an einem Computerterminal saß und Daten
eingab. Seine grauen Haare waren leicht zerzaust und er sah sehr konzentriert
aus. „Morgen Q.“





„Es ist zum Haare raufen“, murmelte Q, der Bond nicht
bemerkte.





„Guten Morgen Q“, wiederholte Bond etwas nachdrücklicher und
endlich sah selbiger auf. „Oh, guten Morgen 007.“





„Gibt es Probleme?“





„Kann man wohl sagen. Schauen sie mal dort.“ Q machte ein
Kopfnicken nach rechts auf eine freie Fläche, auf der regulär immer Bonds Autos
stehen. Bond schaute hin. „Hm, ja, der unsichtbare Wagen. Was stimmt nicht mit
ihm?“





Q blickte gen Himmel und schüttelte verständnislos den Kopf.
„Das ist nicht ihr unsichtbarer Wagen, das ist überhaupt kein Wagen. Wir haben
zwar einen hübschen Jaguar für sie, aber wir haben noch ein paar Probleme mit
den Extras.“





„Ah, deshalb das Bahnticket. Aber lassen sie mich raten. Sie
überlegen noch wie viele Getränkehalter sie einbauen“, grinste Bond.





Q seufzte. „Wenn es so einfach wäre würde ich mich freuen.
Dass sie zwei Getränkehalter brauchen steht ja wohl außer Frage. Einen für sich
und einen für die arme Frau, die ihre Fahrkünste ertragen muss. Aber kommen wir
jetzt zu ihrer anderen Ausrüstung.“ Q stand auf. „Folgen sie mir.“ Er ging zu
einem Tisch auf dem allerlei Alltagsgegenstände und elektronische Teile lagen.
Bond ließ kurz seinen Blick darüber schweifen.
Q griff zu einem Kugelschreiber. „Er enthält eine Abhöranlage. Lässt
sich geschickt platzieren, Kugelschreiber verlegt man gerne einmal. Wo wir
gerade dabei sind. Wo ist eigentlich meiner?“ Q befühlte die Seitentaschen
seines weißen Kittels.





„Wie wäre es mit diesem da?“ Bond blickte zu Qs Brusttasche.
Q tat es ihm gleich, tatsächlich ragte dort ein Kugelschreiber empor. „Äh ja,
danke. Der Empfänger ist übrigens ihre Armbanduhr. Nun weiter.“ Q reichte Bond
den Kugelschreiber, den dieser in eine Innentasche seines Sakkos steckte, und
griff nach einem Taschenrechner und klappte ihn auf. Auf der Innenseite des
Deckels war ein kleiner Bildschirm angebracht. „Hochleistungsscanner für den
modernen Safeknacker. Erkennt die Funktionsweise von mechanischen Safes und
errechnet genau die Kombination. Bei elektronischen Safes werden die Tasten
gescannt und die Kombination anhand der Fingerabdrücke bestimmt. Bei
personalisierten Schlössern durch Fingerabdruck handhaben sie den Rechner so
wie damals ihr Handy bei der Carver-Mission. Er ist sogar in der Lage
Netzhautmuster aus einem Netzhautscanner herauszuscannen und nachzubilden.“ Q
reichte Bond den Taschenrechner. Bond begutachtete ihn noch einmal und steckte
ihn weg. „Und was mache ich bei Safes, die einfach nur einen Schlüssel benötigen?“





„Man kann halt nicht alles haben.“ Q zuckte mit den
Schultern. „Improvisieren sie eben. Nehmen sie meinetwegen die Haarnadel der
von ihnen verführten Frau oder stehlen sie den Schlüssel vom Hausherrn oder was
auch immer.“ Q machte eine bedeutsame Pause. „Aber die beste Funktion dieses
Taschenrechners kommt noch.“





Bond stutze und griff sich in die Tasche, in die er den
Rechner hatte hineingleiten lassen. „Welche ist das?“





„Sie können die Werte der Schäden, die sie während der
Mission anrichten zusammenzählen und berechnen mit wie viel Geld sie die Säckel
der Steuerzahler immer zusätzlich belasten“, gab Q überlegen zurück.





3 – Bonds Exkursion





James Bonds Zug fuhr von der Paddington Station los und
brauchte knapp eineinhalb Stunde bis Bath. Während der Zugfahrt grübelte Bond
über diesen Fall nach. Er fand keine befriedigende Lösung. Zu viele Gedanken
wollte er sich auch nicht machen, doch die Bahnfahrt bot sich an um in den
Akten von Sir Henry nach Anhaltspunkten zu suchen. Doch auch hier gab es keine
Auffälligkeiten.


Als Sir Henry zum MI6 kam, war er ein viel versprechender, ehrgeiziger
und recht verschlossener junger Mann. Seine Loyalität, Verlässlichkeit und
Präzision ließen ihn schnell in den Reihen des Secret Service aufsteigen. Als
00-Agent schließlich lobte man seine schnelle Auffassungsgabe, seine Intuition
und seinen scharfen Verstand. Wegen der schnellen, komplikationslosen
Durchführung seiner Aufträge war Westham bis heute noch berühmt. Während der
Kubakrise konnte er blutige Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen Clans
von Kubanern und Exilkubanern verhindern und man äußerte sich allgemein
bewundernd über seine Diplomatiefähigkeit. Doch nun stutzte Bond. Seitdem
weigerte sich Sir Henry konstant weitere Missionen auf Kuba oder in der Karibik
zu unternehmen. Bond überlegte angestrengt was das wohl zu bedeuten hätte, doch
kam er zu keinem Ergebnis. Erst 1968 kam Westham nicht mehr darum herum und
verliebte sich prompt in eine Kubanerin. Seitdem war er offener, weniger
einzelgängerisch und kaufte sich sogar ein Haus auf Kuba. Seine Missionen
erledigte er zwar immer noch sehr zufrieden stellend, doch brauchte er nun etwas
länger dafür. Scheinbar war er vorsichtiger geworden, doch das war nur zu
verständlich, schließlich war er nun Ehemann und etwas später auch
Familienvater bis… nun ja, bis seine Frau starb. Dies besiegelte Sir Henrys
Abstieg. Er konnte den Tod seiner Frau nicht verwinden und suchte Trost im
Alkohol. Bond schaute auf. Er hatte Sir Henrys Bild genau vor Augen, ein
trunksüchtiger alter Mann, der alles von seinem früheren Ehrgeiz und seiner
Lebenslust verloren hatte. Bond schluckte. So hätte es ihm selbst auch ergehen
können. Er hatte im selben Alter seine Eltern verloren, kam über die Marine zum
Secret Service und wurde schließlich Agent 007. Auch er verlor seine über alles
geliebte Frau Teresa di Vicenzo, genannt Tracy unter tragischen Umständen. Bei
Gott, er konnte Sir Henry so gut verstehen, war er doch selbst auch in ein
großes Loch gefallen, kümmerte sich nicht mehr um seine Arbeit, spielte, trank.
Es war schlimm wie sehr er sich damals gehen ließ. Bond kniff mit
schuldbewusstem Ausdruck die Augen zusammen und lehnte sich tief in den Sitz
seines Abteils. Er atmete tief durch und versuchte die Gedanken der Trauer und
der Schuld zu vertreiben. Immerhin hatte er damals diese Phase überwunden, war
wieder hoch gekommen, weil der damalige M dennoch an ihn glaubte, ihm eine
Mission gab, die ihn gänzlich forderte. Er hatte sogar Gelegenheit gehabt Rache
zu nehmen an Blofeld, dem Mörder seiner Frau.


Bond öffnete die Augen und widmete sich wieder seiner
derzeitigen Mission. Er überflog noch einmal die Akte und packte sie
schließlich wieder in seinen Koffer. Nachdenklich blickte er aus dem Fenster
auf die vorbeiziehende, grüne, englische Landschaft. M hatte die Bankauszüge
und den Vorgang der Überweisung hundertmal prüfen lassen, doch es gab keinen
Zweifel. Was könnte ein gealterter, heruntergekommener Ex-Geheimagent seiner
Majestät davon haben kubanische Pflanzer zu ruinieren?





Der Zug hielt schließlich in Bath Spa. James Bond stieg aus,
trat auf den Bahnsteig und schaute sich um. Hier musste irgendwo Sir Henrys
Tochter Havanna Westham stehen, die ihn abholen sollte. Bonds geschultes Auge
machte viele gut aussehende junge Frauen aus, blieb aber schließlich an einer
dunkelhaarigen, leicht gebräunten und sehr attraktiven Frau hängen, die still
und ernst an der Fahrplanauskunft stand. Es musste Havanna sein, sie hatte die
Augen ihres Vaters. Doch erstaunte es Bond, dass sie ebenfalls schon müde und
zukunftslos wirkten. Als die Frau seinen Blick bemerkte ging sie sofort auf ihn
zu. „Mr. Bond nehme ich an“, sprach sie ihn als sie ihn erreichte.





Dieser nickte. „Und sie sind Havanna Westham, nehme ich an.“





„Exakt.“ Havannas Blick fiel auf Bonds Koffer. „Es tut mir
leid, ich hoffe, der Koffer ist nicht allzu schwer. Wir haben nämlich noch
etwas Fußweg vor uns bis zum Auto. Ich habe mir gedacht ich zeige ihnen erst
einmal ein bisschen Bath. Zwischendurch können wir in einem Café anhalten.“





„Kein Problem. Ich habe sowieso nur das Nötigste eingepackt.
Schließlich soll es hier nur ein kurzer Besuch werden und kein Dauerurlaub“,
lächelte er.





„Sicher“, erwiderte Havanna emotionslos. „Dann folgen sie
mir bitte.“





Bond und Havanna verließen den Bahnhof und betraten die
Manvers Street, der sie nach Norden hin folgten. Havanna erzählte Wissenswertes
aus der Geschichte von Bath und machte Ausführungen zu der Stadt- und
Häuserarchitektur, die Bath ein ganz besonderes Flair gaben. Als die Manvers
Street in die Pierrepont Street überging konnte man schon den Turm der Bath
Abbey erkennen, die die beiden auch kurze Zeit später erreichten. „Ein
Meisterwerk gotischen Stils, beachten sie die hervorragenden Arbeiten der
Steinmetze. Der Turm ist 163 Fuß hoch“, führte Havanna aus. Sie ging mit Bond
westlich an der Abtei vorbei auf den Seitenplatz. „Dieser Platz wird eingerahmt
von Gebäuden aus dem 18. Jahrhundert. Links sind die römischen Bäder. Sie sind
über 2000 Jahre alt und werden von einer warmen Quelle gefüttert. Heute ist es
ein Museum mit einer interessanten Sammlung von römischen Ausgrabungsstücken,
Münzen, Pokalen und Bronzeschmuck. Auch dazu gehört der Pump Room, der jetzt
ein Café ist. Sie haben doch sicher nichts gegen eine kleine Pause und eine
Tasse Kaffe, oder?“





„Keinesfalls“, erwiderte Bond und folgte Havanna.





Beeindruckt blickte sich Bond im Pump Room um. Es war als
hätte er die Schwelle in ein früheres Jahrhundert überschritten, wenn dies
nicht schon mit dem Verlassen der Bahn geschehen war. Der Pump Room wirkte mit
seiner hohen Decke, den hohen Fenstern, Oberlichtern und den hellen Farben sehr
einladend. Klassische Säulen hielten das Gewölbe, das hervorragende
Deckenarbeiten aufwies.


Bond stellte seinen Koffer ab und setzte sich mit Havanna an
einer der vielen kleinen sechseckigen Tische. Sofort kam ein Kellner und nahm
die Bestellung auf. Bond nahm einen Milchkaffe und Havanna einen Espresso. Der
Kellner bestätigte die Bestellung und brachte beides wenige Minuten später.
„Wie schon gesagt sind die römischen Bäder nun ein Museum und die
Thermalquellen sind nicht mehr für öffentlichen Badeverkehr geöffnet. Doch dies
soll sich bald ändern. Es gibt das so genannte Bath Spa Projekt, dessen
Investoren die Thermalquellen wieder nutzen und ein großes Heil- und Wellnescenter
errichten wollen.“





„Sie würden eine gute Fremdenführerin abgeben, Miss
Westham“, bemerkte Bond.





„Ich weiß. Ich bin auch in der Tourismusbranche. Ich befasse
mich mit Bath und mit Kuba, meine beiden Heimatorte. Aber reden wir lieber von
ihnen, Mr. Bond. Was will der MI6 von meinem Vater? Seine aktive Zeit liegt
schon an die 30 Jahre zurück.“





„Nun“, begann Bond langsam. „Wir benötigen seine Kenntnisse
und Erfahrungen in einer speziellen Sache, die uns im Moment großes
Kopfzerbrechen bereitet. Wir hätten ihn gerne als Berater. Es gab Anschläge auf
Kuba.“





Havanna blickte ihn genau an. „Es gibt immer irgendwo
Anschläge und Übergriffe. Wieso sollte sich ausgerechnet der MI6 in die
Angelegenheiten der Kubaner einmischen?“





„Angehörige der britischen Botschaft waren unter den Opfern
der Anschläge“, log Bond.





„Hm, das ist natürlich etwas anderes.“ Havanna nahm einen
Schluck von ihrem Espresso und lehnte sich zurück. „Aber ich glaube nicht, dass
mein Vater ihnen eine große Hilfe sein wird.“





Bond zuckte mit den Schultern und trank ebenfalls einen
Schluck. „Wir werden sehen. Es ist mein Auftrag mit ihm in Verbindung zu treten
und das werde ich auch tun.“





Das weitere Gespräch der beiden verlor sich in
Belanglosigkeiten, doch fiel es Bond auf, dass Havanna seinem Blick immer öfter
auswich. War es Verlegenheit oder
verbarg sie irgendetwas? Der Geheimagent wusste es nicht.


Schließlich zahlten sie und verließen den Pump Room. Sie
durchschritten einem römischen Säulengang und gingen nach Norden, zuerst über die
Westgate Street, dann über die Barton Street zum Queen Square. Havanna war
wieder ganz in ihrem Element. „Beachten sie den Obelisken in der Mitte der
quadratischen Insel und die Häuser aus der Zeit von König George.“ Bond sah
sich aufmerksam um. Bath war wirklich eine geschichtsträchtige und sehr einnehmende
Stadt. Havanna verließ den Queen Square über die Charlotte Street, wo dann auch
der Parkplatz war auf dem ihr Auto stand. Es war ein kleiner, blauer Lotus
Elise. Sie packte Bonds Koffer in den Kofferraum und stieg auf der Fahrerseite
ein. „Nettes Auto“, bemerkte Bond und stieg ebenfalls ein. Havanna startete den
Wagen und sie führen zurück über den Queen Square nach Norden durch die George
Street und Gay Street in den Kreisverkehr des Circus. „Auch hier sehen sie
wieder exzellente Beispiele für englische Architektur.“ Bonds Blick schweifte
über die dreistöckigen, ockerfarbenen Bürgerhäuser, die sich dem runden
Straßenverlauf anpassten, mit ihren hohen Fenstern, die mit Säulen voneinander
getrennt wurden, den stilvollen Vorsprüngen, die die Stockwerke voneinander
trennten, den weißen Türen und schwarzen Metallzäunen vor dem Haus und als
Abschluss des Daches bis hin zu der kleinen Baumgruppe auf dem begrünten,
großen Mittelstück des Circus.


Sie verließen den Circus nach Westen und fuhren über die
Brock Street zum Royal Crescent. War der Circus schon beeindruckend gewesen so
überbot dies das Royal Crescent noch einmal. Ein großes, halbkreisförmiges
Gebäude mit vielen abgeteilten Haussegmenten. Vom Stil her dem Circus ähnlich,
doch noch um einiges prunkvoller.


„Das Royal
Crescent Hotel“, erzählte Havanna. „Ein authentisches Beispiel des
Architekturstiles des 18. Jahrhunderts. Viele reiche und bekannte Leute
residierten in der langjährigen Geschichte schon hier, unter anderem der 2.
Sohn von König George III., der Herzog von York. Sie verpassen wirklich etwas,
wenn sie in Vaters Haus nächtigen und nicht hier einquartiert sind. Mein Vater
durfte damals immer in den besten Hotels übernachten während seiner Missionen.
Ist das eigentlich immer noch so oder ist das Einsparungen zum Opfer gefallen?“


„Doch, das ist immer noch so“, bestätigte Bond. Sein Blick
war auf die Fassade des Royal Crescent gerichtet bis Havanna schließlich auf
die Marlborough Buildings einbog und sie Bath schließlich in nordwestlicher
Richtung verließen.
"Wer ist schon Bond im Vergleich zu Kronsteen?!"

Kronsteen

James Bond Club Deutschland - SPECTRE Nr. 005

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4

Samstag, 25. Mai 2013, 22:13

4 – Dicke Luft





Der blaue Lotus erreichte schließlich Sir Henrys
Landhaus. Es war ein altes englisches
Herrenhaus im Tudorstil, das in einer Talsenke am Waldrand stand. Das
Untergeschoss bestand aus roten Ziegeln, das Obergeschoss war klassisches
schwarz-weißes Fachwerk mit einem dunkelgrauen Dach. Das Haus war ausgeschmückt
mit mehreren Giebeln und Erkern. Das Nebengebäude war ein tristes Steinhaus,
nur aufgelockert durch ein paar Fenster und einige Holzbalken. „Westham Hall,
Stammsitz der englischen Linie. Mein Vater erbte es vor knapp 40 Jahren als der
letzte Baronet von Westham kinderlos starb“, erklärte Havanna und steuerte den
Lotus durch das offene Tor in das Nebengebäude, das zu einer Garage und
Lagerkammer umgebaut war. Sie parkte ihn neben einem alten Peugeot, der wohl
dem Chevalier gehörte, wie Bond vermutete. Bond und Havanna stiegen aus.
Havanna öffnete den Kofferraum und Bond entnahm seinen Koffer. Die attraktive
Tochter Sir Henrys knallte den Kofferraum zu und verließ die Garage über eine
Seitentür. Der Geheimagent folgte ihr.


Über einen Kiesweg gelangten sie, vorbei an einer
Rosenhecke, zur Tür des Haupthauses, die mit einem kleinen vergitterten Fenster
ausgestattet war. Havanna schloss auf und gemeinsam betraten sie die geräumige Eingangshalle.
Sie war ein altmodisch ausgestatteter, hoher Raum mit einem abgelaufenen
Perserteppich, einer Eichenkommode und einem alten Messingspiegel. Rechts und
links gab es je einen Durchgang zu den weiteren Räumen und je eine Treppe mit
beschnitztem, massivem Holzgeländer, die zu einer Balustrade und den Räumen des
Obergeschosses führten. Havanna schloss die Tür hinter Bond und hängte den
Schlüssel an einem Haken des Schlüsselbrettes auf. „Ich sollte sie vorwarnen,
Mr. Bond. Nicht nur die Eingangshalle, sondern der ganze Haushalt ist sehr
altmodisch. Wir beheizen und beleuchten noch mit Gas. Der einzige
Stromanschluss ist im Zimmer meines Cousins. Er brauchte einen für seinen
Computer.“





„Es scheint wirklich als hätte ich mit meinem Schritt aus
dem Bahnabteil ein früheres Jahrhundert betreten“, meinte Bond und sah sich um.





„Das könnte man so sagen. Im Vergleich zu Westham Hall kann
man unser Haus auf Kuba als sehr modern bezeichnen.“ Sie schaute auf ihre
Armbanduhr. „Tea time. Stellen sie ihren Koffer ruhig hier ab, Mr. Bond. Dann
können sie gleich meinen Vater und meinen Cousin kennen lernen. Und eine Tasse
Tee nehmen sie sicher auch gerne.“





„Ich mache mir nicht viel aus Tee“, gab Bond zurück.





„Oh, das macht nichts. Sie können auch gerne einen Sherry
oder dergleichen bekommen“, lächelte Havanna. Bond fiel auf, dass es ihr erstes
Lächeln an diesem Tag war und wie viel hübscher und unbeschwerter sie lächelnd
wirkte. Er stellte seinen Koffer ab und folgte ihr ins Kaminzimmer. Auch hier
lag ein schwerer Teppich auf den Holzbohlen. Auf dem Sims des gewaltigen Kamins
standen Fotos von dem jungen Sir Henry und seiner verstorbenen Frau. Auf dem
Tisch der Sitzgruppe, die mitten im Zimmer stand, war bereits der Tee serviert.
Das Teeservice war echtes Meißner Porzellan. Da man natürlich bereits über
Bonds Ankunft informiert worden war, war auch für vier Personen gedeckt worden.
Einzig das Gedeck vor Sir Henry fiel heraus, denn neben der Teetasse befand
sich auch noch eine Flasche mit Rum.


Ein Mann Ende dreißig stand am Kamin und rauchte einen
Zigarillo. Er hatte ein schlankes, ebenmäßiges Gesicht, schmale Augenbrauen und
kurze, akkurat geschnittene blonde Haare. Seine Haut war ebenso wie die von
Havanna leicht gebräunt und seine Kleidung maßgeschneidert und elegant. Sir
Henry saß in einem der kleinen Sessel. Er wirkte ebenso müde, alt und
abgehalftert wie auf dem Foto, doch Bond erkannte, dass den etwas auseinander
gegangenen Körper noch nicht alle Kraft verlassen hatte. Auch für ungeübte
Beobachter, die nicht automatisch die potentielle Gefahr, die von ihren
Gegenübern ausging abschätzten, war noch ersichtlich, dass Sir Henry einmal ein
sehr sportlicher, drahtiger Mann gewesen sein musste. Ein unangenehmer
Geschmack machte sich in Bonds Mund breit als er Westham betrachtete und sich
fragte wie er selbst wohl in dreißig bis vierzig Jahren aussähe, wenn er
überhaupt jemals so alt werden würde. Nun brauchte er wirklich einen Sherry um
das bittere Gefühl im Mund loszuwerden.





„Sie sind also James Bond, der derzeitige Geheimagent 007
ihrer Majestät“, brach der blonde Mann das Schweigen und begutachtete den
Angesprochenen von oben bis unten. Irgendeine Art von Interesse war in seinen
Augen zu erkennen.





„Und sie sind sicher Chevalier Damien de Stroy“, gab Bond
zurück, der nicht genau wusste wo er den Blick einzuordnen hatte. Der Chevalier
nickte, ließ den Rest seines Zigarillos in den Marmoraschenbecher fallen, der
auf dem Kaminsims stand und setzte sich auf die Polsterbank. Bond wendete sich
Sir Henry zu. „Es ist mir eine Ehre sie auch einmal persönlich kennen zu
lernen, Sir Henry. Sie sind für den britischen Geheimdienst immer noch eine
lebende Legende.“





„Lebende Legende, pah“, brummte Sir Henry. „Ja, ja, auch
sehr erfreut, sehr erfreut. Ich hoffe sie machen ihrer Nummer alle Ehre, junger
Freund.“ Er hustete.





„Ich gebe mir alle Mühe“, antwortete Bond.





„Setzen sie sich doch, Mr. Bond.“ Havanna deutete auf die
Polsterbank, auf den freien Platz neben dem Chevalier. Dann ging sie an einen
Schrank und holte ein rundes Tablett mit Sherry und einigen Gläsern heraus, das
sie dann auf einen kleinen Beistelltisch neben der Polsterbank stellte. Bond
setzte sich derweil neben den Chevalier, dem dies anscheinend recht angenehm
war. Havanna schenkte den Tee aus, goss Bond den Sherry ein und reichte ihm das
Glas. Dann setzte sie sich. „Danke“, sagte Bond und nahm einen Schluck. Der
Sherry war erstaunlich gut und müsste wohl so einiges wert sein.


Während der Chevalier zu dem kleinen silbernen Milchkännchen
griff, langte Sir Henry zur Rumflasche und fügte einen gehörigen Schuss zum Tee
hinzu. Für einen Moment lang herrschte peinliches Schweigen. Havanna wirkte
etwas beunruhigt, immer wieder schaute sie zu dem gut aussehenden britischen
Agenten, um seinem Blick aber sofort wieder auszuweichen. Sir Henry schien mehr
vor sich hinzuvegetieren und sich nichts aus dem unerwarteten Besucher oder
überhaupt irgendetwas in der Welt zu machen. Einzig der Chevalier wirkte ganz
natürlich und selbstsicher, ließ langsam etwas Milch in seine Teetasse gleiten,
was in dieser sofort die charakteristischen weißen Wolken verursachte bevor
sich die Milch langsam mit dem Tee vermischte, und fügte schließlich noch zwei
Stückchen Zucker hinzu.


Bond, den diese Stimmung langsam bedrückte, brach
schließlich die Stille. „Ich bin hier um sie um ihre Hilfe zu bitten, Sir
Henry. Es gab einige tragische Vorfälle auf Kuba, die auch unsere Regierung
betreffen. Wir benötigen sie als Kuba-Experten.“





„Ha, dass ich nicht lache“, polterte Sir Henry los, der
seine geleerte Teetasse wieder füllte. „Ich habe meine beste Zeit hinter mir.
Die beste Zeit hinter mir. Man hat mich aus dem Secret Service verstoßen!
Verstoßen! Mich, einen trauernden Witwer! In allen Ehren zwar, aber das ändert
nichts daran, dass man mich aufs Altenteil geschickt hat!“





„Ja, das hat man“, hielt Bond dagegen. „Aber nur weil sie
nach dem Tode ihrer Frau in ein tiefes Loch gefallen sind und sie haben es bis
heute nicht geschafft dort wieder herauszukommen!“





Havanna hob erschreckt über diese klaren Worte von Bond die
Hand vor den Mund und starrte ihn an. Ein amüsiertes Lächeln umspielte hingegen
die Mundwinkel und dünnen Lippen des Chevaliers. „Wie… wie können sie es
wagen?“ Sir Henry blieb die Luft weg. „So mit einem Helden des kalten Krieges
zu sprechen. Ein Held bin ich für sie, jawohl! Und überhaupt soll dieses
kubanische Pack seine Angelegenheiten selbst klären!“





„Sehen sie sich doch an, Sir Henry! Sind sie wirklich noch
der Herr über sich selbst? Ihr Erinnerungsvermögen passt sich schon dem an wie
sie es gerne hätten, der Alkohol lässt ihnen ihre Vergangenheit verklärt
erscheinen, er benebelt sie bis auf ein paar lichte Momente. Lethargie wechselt
sich ab mit Stadien der Aggression. Haben sie überhaupt bemerkt, dass ihre
zweite Tasse Tee mit Rum nur noch aus Rum bestand?“ M hatte Bond instruiert,
dass er diskret vorgehen solle, doch nun schien es so als hätte er die
Kontrolle verloren. Zu sehr fühlte er mit Sir Henry, zu groß war seine Furcht
auch so enden zu können, zu sehr empfand er Wut gegen dieses Bild, dass er da
sah. Bond atmete tief durch. Dieser
Gefühlsausbruch befreite ihn, doch versuchte er dadurch ebenfalls zu Sir Henry,
an dessen Unschuld er noch immer glaubte, vordringen zu können, ihn vielleicht
zur Mithilfe überreden zu können.





Sir Henry schaute in seine Tasse und sackte in sich
zusammen. „Sie haben Recht, Bond“, schluckte er und fing an zu Wimmern. „Ich
bin ein Wrack. Ein Wrack! Hoffnungslos… alles hoffnungslos…“ Der Chevalier
verfolgte schweigend diese Szene, sein amüsierter Ausdruck war verschwunden.
„Sie sind gekommen, um meinen Vater fertig zu machen“, schrie Havanna auf.
„Warum quälen sie ihn so?“





Der Agent achtete nicht auf Westhams Tochter. „Schauen sie
mich an, Sir Henry.“ Zaghaft blickte der alte Mann hoch. Bond sah ihn
durchdringend, aber doch irgendwie sanft an. „Ich weiß genau wie sie sich
fühlen, Sir Henry. Meine eigene Frau wurde nur kurz nach unserer Hochzeit
umgebracht. Noch am selben Tage. Ich bin in ein ebenso großes Loch gefallen wie
sie selbst, ich spielte, trank. Doch ich bin dort wieder herausgekommen und sie
schaffen das auch, Sir Henry. Ich weiß es.“





Westhams Mund war halb geöffnet. Er schluckte abermals.
„Sie… sie meinen also, ich sollte ihnen helfen? Könnte ihnen wirklich eine
Hilfe sein?“ Bond nickte. „Ich… ich werde darüber nachdenken“, stammelte Sir
Henry. „Sie… sie bekommen mein bestes Zimmer, mein eigenes. Den blauen Salon.
Einfach die Treppe, Treppe hoch und die letzte Tür im linken Gang. Havanna, sag
dem Dienstmädchen ich werde im Zimmer meiner verstorbenen Frau schlafen.“
Havanna nickte. „Und jetzt lasst mich bitte alle allein. Bitte.“





Stumm verließen Havanna, Bond und der Chevalier den Raum und
begaben sich in die Eingangshalle, wo sich de Stroy verabschiedete und auf sein
Zimmer zurückzog. „Mary wird dann ihr Zimmer richten und sich um ihr Gepäck
kümmern, Mr. Bond. Kann ich sonst noch etwas für sie tun.“ Havanna blickte ihn an.
Sie war noch etwas mitgenommen von der vorherigen Szene im Kaminzimmer.





„Nein danke… obwohl… ich müsste noch einen Brief schreiben,
habe aber kein Schreibpapier und keine Kuverts bei mir. Könnte ich wohl ihr
Arbeitszimmer benutzen?“





„Aber natürlich“, nickte Havanna müde. „Einfach durch den
gegenüberliegenden Durchgang und dann erste Tür rechts.“ Bond bedankte sich und
folgte ihrer Beschreibung.





Das Arbeitszimmer war recht groß und wirkte düster. Dunkle
Vorhänge und Teppiche schluckten viel von dem Licht, dass durch die hohen,
schmalen Fenster eintrat. Der Sekretär und die Bücherregale, die fast die
gesamte Wandfläche einnahmen, waren ebenso wie die Kommode in der Halle aus
Eiche und in demselben Stil gehalten.


James Bond schloss die Tür hinter sich und untersuchte den Raum
ganz genau. Schließlich fand er auch den Safe hinter dem Gemälde einer
kubanischen Tabakplantage. Doch den würde er sich später vornehmen. Bond ging
zum Sekretär, entnahm ihm ein Blatt Papier und ein Kuvert und platzierte den
Kugelschreiber von Q dort. Dann verließ er das Arbeitszimmer wieder und ging in
den blauen Salon. Das alte Dienstmädchen Mary war gerade dort fertig geworden
und verkündete ihm, dass um halb acht zu Abend gegessen würde. Bond bedankte
sich und ging ins Bad. Dort wusch er sich durch das Gesicht und zog sich um. Beim
Abendessen war neben Bond nur noch der Chevalier anwesend. Während des
gutbürgerlichen Mahles sprachen die Männer nur wenig miteinander, doch der
Geheimagent fand heraus, dass sich de Stroy noch mit Havanna treffen wollte um
die Bibliothek neu zu ordnen. So kam es, dass Bond letztendlich den ganzen
Abend damit verbrachte, auf seinem Zimmer zu sitzen und gespannt neben dem
eingeschalteten Empfänger seiner Uhr auszuharren.





Eine Tür öffnete sich. Schritte waren zu hören. „Er hat
sicher hier herumgeschnüffelt.“ Es war die Stimme des Chevaliers. „Schau mal
nach was er geschrieben hat.“





Havanna ging zum Sekretär und prüfte die Schreibunterlage.
„Es hat sich nichts durchgedrückt. Entweder er war sehr vorsichtig oder er hat
tatsächlich nichts geschrieben.“





„Ein gut aussehender, charismatischer und begehrenswerter
Mann, dieser Bond.“
"Wer ist schon Bond im Vergleich zu Kronsteen?!"

Kronsteen

James Bond Club Deutschland - SPECTRE Nr. 005

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5

Samstag, 25. Mai 2013, 22:14

„Findest du?“





„Jetzt sag bitte nicht, dir wäre das gar nicht aufgefallen,
Havanna. Ich habe dich genau beobachtet. Du bist sehr von ihm angezogen.“





„Nein. Das ist nicht wahr“, widersprach Havanna ein wenig zu
energisch um glaubhaft zu wirken. „Ich… ich will keinen Mann mehr sehen. Nicht
seitdem Perez mich… Oh, es war so furchtbar! Seine gierigen Augen… seine rauen,
kräftigen Hände. Jede Nacht sehe ich sein Gesicht vor mir. Dieses erregte
Grinsen. Die Spucke, die aus seinen Mundwinkeln tropfte… Und wie fertig Vater
war als er es erfuhr. So verletzt und so wütend habe ich ihn noch nie zuvor
gesehen.“





„Wenn er nicht aufpasst, gerät er bald in große
Schwierigkeiten und uns kann er auch leicht mit herein ziehen.“





„Die Unterlagen sind sicher aufbewahrt?“





„Im Safe.“





Havanna erwiderte nichts mehr. Das Weitere was Bond hörte
war wirklich nur noch das Ordnen der Bücher. Er schaltete den Empfänger aus,
machte sich für die Nacht fertig und ging zu Bett. Er schlief recht schnell ein
und bekam nichts von der Person mit, die sich heimlich Zutritt zum blauen Salon
verschaffte.


Behutsam wurde die Türklinke heruntergedrückt. Leise öffnete
sich die Tür. Eine schwarze Gestalt betrat den Raum. Geschmeidig schlich sie
durch das Zimmer, der dicke Teppich dämpfte hervorragend die leichten Schritte.
Eine schwarz behandschuhte Hand streckte sich zum Wandleuchter aus und öffnete
die Gasleitung. Die Gestalt huschte geräuschlos durch das Zimmer und
wiederholte diesen Handgriff auch an dem Leuchter der gegenüberliegenden Wand.
Zufrieden und lautlos verließ die Gestalt das Zimmer wieder, während das Gas
langsam aber unaufhörlich den blauen Salon füllte, um am nächsten Morgen nur
den leblosen Körper des britischen Geheimagenten mit der Kennnummer 007 und ein
wenig dicke Luft zu hinterlassen.





5 – Auf nach Kuba





Das Piepen seiner Armbanduhr riss James Bond mitten in der
Nacht aus dem Schlaf. Langsam schlug er die Augen auf. Ein beklemmendes Gefühl
hatte sich in seinem Brustkorb breit gemacht. Mühsam richtete er sich auf und
blickte sich um. Er verspürte einen großen Hustenreiz. Langsam sog er die Luft
durch die Nase ein. Gas!


Bond sammelte seine ganzen Kräfte, sprang auf und hechtete
zum Fenster, um es zu öffnen. Versperrt! Nur das Oberlicht war zu öffnen, was
natürlich nicht half, da das Gas schwerer als die Luft war. Gehetzt blickte
sich Bond im Zimmer um, griff zu einer metallenen Wasserkanne, die auf der
Kommode stand und schlug damit das Fenster entzwei. Glas splitterte, kleine
Scherben rissen Bond die Hand auf. Doch dieser hatte nun andere Probleme. Er
nahm einen tiefen Zug der kühlen Nachtluft und schritt dann langsam durch das
Zimmer, um den genauen Ort des Gasaustrittes ausfindig zu machen. Er prüfte die
Leitung des Ofens, doch diese war verschlossen. Dann ging er zum Wandleuchter
und drehte dort das Gas ab.


Bond atmete erleichtert aus. Dann lauschte er. Hatte jemand
gehört, wie er das Fenster zerbrochen hatte? Würde jemand kommen? Bond wartete
eine zeitlang ab, doch nichts war zu hören. Er stieg schließlich in seine
schwarze Hose und zog sich einen schwarzen Rollkragenpullover über. Danach ging
er zu seinem Koffer, holte Qs Taschenrechner hervor und musste schmunzeln. Wie
viel wohl so ein Fenster wert wäre? Wenn es dabei bliebe, wäre es wirklich eine
billige Mission, zumal man sich die Hotelkosten sparen konnte.


Bond steckte ihn ein und hielt inne. Der Gasgeruch hatte gar
nicht richtig nachgelassen. Von irgendwoher musste noch etwas austreten. Bond
sah sich genau um. Dort! An der westlichen Wand war noch einer dieser
Wandleuchter. Er ging hin und tatsächlich war auch diese Leitung aufgedreht.
Bond drehte auch hier das Gas ab und verließ das Zimmer. Damit Durchzug
herrschte ließ er die Tür offen als er auf den dunklen Gang trat. Langsam und
leise tastete er sich immer weiter vor zur Treppe. Regelmäßig blieb er stehen
um zu horchen. War da nicht etwas? Aber nichts war zu sehen und zu hören.


Bond erreichte schließlich ungesehen das Arbeitszimmer. Dass
er den Standort des Safes schon wusste, erleichterte dieses Unternehmen. So
brauchte er kein Licht machen und nur der Mond sendete seine silbernen, matten
Strahlen in das Zimmer. Der Agent trat zu dem Bild der Plantage, zog es zur
Seite und holte den Taschenrechner hervor. Es war ein recht altmodischer Safe
mit einem Drehschloss. Bond klappte den Taschenrechner auf und scannte die
Front des Geldschrankes. Das Gerät piepte einmal auf und Bond wartete ab. Ein
weiteres Piepen ertönte und die Leuchtanzeige gab die Kombination 30R40L18R zum
Besten. Noch etwas zweifelnd drehte Bond also 30 nach rechts, 40 nach links und
wieder 18 nach rechts. Er fasste den Griff, zog daran und der Safe sprang
tatsächlich auf. „Q übertrifft sich wirklich immer wieder“, flüsterte Bond
bewundernd. Doch gerade als er hineingreifen wollte hörte er hinter sich eine
Stimme. „Hände hoch, Mr. Bond!“





„Drehen sie sich langsam zu mir um“, befahl die Stimme. Der
Geheimagent gehorchte. Er hatte keine andere Wahl, er war wehrlos überrascht
worden, mit einem Taschenrechner als einziger Ausrüstung.


Die fremde Person griff zum Wandleuchter. Das Licht flammte
auf und Bond erkannte den Mann. Es war Sir Henry, bekleidet mit einem
Morgenmantel und mit einem alten Armeerevolver in der Hand. Sein Atem ging
schwer. „Es… es geht also nicht darum, dass sie meine Hilfe brauchen. Sie
verdächtigen mich. Verdächtigen mich. Ich nehme an“, er hustete. „Ich nehme an
die Sache betrifft auch nicht die britische Regierung. Wie sollte sie auch? Sie
denken, dass ich hinter den Anschlägen auf die Plantagen der kubanischen Pflanzer
stecke.“ Er ließ den Revolver sinken, ging zum Sekretär und ließ sich kraftlos
in den Stuhl sinken.





Bond taxierte Westham. „Ich habe nie erwähnt, dass es
Anschläge auf einheimische Plantagen gab. Woher wissen sie das?“





Sir Henry lächelte müde. „Das fragen sie jemanden, der sich
über die Hälfte des Jahres auf Kuba aufhält? Der Buschfunk trommelt schnell.“
Er holte einen Flachmann hervor und nahm einen Schluck, nur um selbigen
Flachmann dann sofort schuldbewusst von sich wegzuwerfen.





„Ich will ehrlich zu ihnen sein, Sir Henry.“ Bond trat zu
Westham und lehnte sich an den Sekretär. Er schaute an die Decke und vermied es
Sir Henry anzublicken. „Ich und jeder andere vom MI6 hält sie für unschuldig. M
sagte extra noch zu mir, ich solle ihre Unschuld beweisen. Aber es wurde
einwandfrei festgestellt, dass die Bombenleger von ihrem Konto bezahlt wurden.“





Sir Henry atmete tief durch. „Gut, dann, dann wollen wir mal
mit geheimdienstlicher Logik vorgehen. Alle geldlichen und geschäftlichen
Angelegenheiten regelt meine Tochter. Ich gebe ihr die Anweisungen was zu tun
ist und leiste später die Unterschriften. Das betrifft Transaktionen in England
und auf Kuba. Im Moment, im Moment gibt es einen Umbau in unserem Haus auf
Kuba.“ Sir Henry schluckte, Bond blickte zu ihm hin. „Das Zimmer meiner
Tochter.“ Seine Faust ballte sich und Tränen stiegen in seine Augen. Bond
konnte ahnen, wieso. Schnell hatte sich Westham wieder im Griff. „Wie auch
immer. Jedenfalls sind einige kubanische Handwerker zu bezahlen. Es wäre für
mich ein leichtes vor meiner Tochter die Zahlung für einen Bombenleger einfach
als Handwerkerrechnung zu deklarieren und es ist ebenso möglich, dass meine
Tochter mir so eine Zahlung zur Unterschrift unterschiebt.“ Er schluckte
wieder.





Bond legte seine Hand auf Westhams Schulter. „Wir werden die
Wahrheit schon zusammen herausfinden. Vielleicht zwingt jemand Havanna dazu,
damit der Verdacht auf sie gelegt wird.“ Westham schaute dankbar und leicht
benebelt zu Bond auf. „Eine Frage habe ich aber noch, Sir Henry. Wie kommt es,
dass sie mich hier überrascht haben? Mich hat niemand verfolgt auf dem Weg vom
blauen Salon hierher.“





Westham lächelte. „Eine einfache Erklärung. Ich habe
schlecht geschlafen, lag wach. Dann hörte ich plötzlich ein Klirren. Ich dachte
sofort an Einbrecher, stand auf und ging hinüber ins Arbeitszimmer. Das Zimmer
meiner Frau liegt auf demselben Gang. Es ist… es ist das hellste Zimmer… Zimmer
im ganzen Haus“, schniefte Sir Henry. „Jeden, jedenfalls war das Arbeitszimmer
leer. Und dann hörte ich Schritte über mir und habe mich im Nebenzimmer auf die
Lauer gelegt. Aber jetzt habe ich auch eine Frage. Was hat eigentlich so
geklirrt?“





„Ich musste leider das Fenster im blauen Salon zerschlagen“,
antwortete Bond. „Jemand hat versucht mich in dem Zimmer zu vergasen.“ Sir
Henry erschrak als Bond von dem Gasangriff berichtete. „Gas? Mord? Mordversuch?
Mein Gott…“





Bond lächelte. „Keine Sorge. Ich habe es ja überlebt. Hätte
ich nicht den Plan gehabt, nachts ihren Safe zu knacken, dann wäre ich jetzt tot.“





Westhams Atmung ging schnell. Er stierte geradeaus und man konnte
geradezu sehen wie es in seinem Gehirn arbeitete. „Weg… weg. Wir müssen hier
weg. Wir fliegen nach Kuba. Morgen fliegen wir nach Kuba. Dieser Bastard!
Dieser verfluchte Bastard! Ruinieren will er mich, er mich.“





Bond schaute den alten Mann an. „Wer, Sir Henry? Wer will
das? Perez?“ Durch Nennung dieses Namens, den Bond selbst erst vor kurzem
gehört hatte, hoffte er bei Sir Henry irgendeine Reaktion zu erzielen. Doch
dieser ging nicht darauf ein, stand auf und fasste Bond am Arm. Er hatte noch
immer einen sehr kräftigen Griff. „Nicht jetzt, James, nicht jetzt. Sagen sie
mir nur eines. Werden sie mit nach Kuba kommen?“ Fast flehend blickte Westham
seinen derzeitigen Nachfolger als 007 an. Bond nickte. „Selbstverständlich. Ich
versprach ihnen heute Nachmittag schon, dass wir gemeinsam versuchen werden die
Wahrheit aufzudecken. Ich stehe zu meinem Wort.“ Sir Henry lächelte Bond
dankbar an.





Am nächsten Tag berichtete James Bond M über die Lage und
flog schließlich mit den Westhams und dem Chevalier nach Kuba. Bis auf einen
kleinen Flirt mit der Stewardess verlief der Flug ereignislos. Am Flughafen von
Havanna erblickte Bond schließlich ein bekanntes Gesicht. „Raoul? Was machen
sie hier am Flughafen?“





„London hat mich mal wieder geweckt“, grinste der
grauhaarige Kubaner mit dem sorgsam gestutzten Vollbart und der Zigarre im
Mundwinkel. „Universal Exports sagte, sie bräuchten die Delectados so schnell
wie möglich. Oh, guten Tag, Sir Henry.“ Westham war dazu getreten und nickte
Raoul zu.





„Wir können offen sprechen“, stellte Bond klar, der mit
einem kurzen Blick festgestellt hatte, dass Havanna und de Stroy noch bei der
Gepäckausgabe waren.





„Gut“, nickte Raoul. „Aber am Besten gehen wir zu mir. Dort
wartet auch ein Wagen von einem gewissen Q auf sie, Mr. Bond. Ehrlich gesagt
hätte ich nicht gedacht, dass ich auch noch einmal offiziell tätig werden
würde. Das damals waren ja eher… Freundschaftsdienste“, lachte er und klopfte
Bond väterlich auf den Rücken.





„Ich, ich sage dann Havanna dann mal Bescheid, sie solle
schon mal mit Damien vorfahren“, sagte Sir Henry, ging zur Gepäckausgabe und
sprach kurz mit seiner Tochter.





„Armer alter Kerl“, bemerkte Raoul, der ihm nachsah.





„Ach ja, sie kennen ihn bestimmt noch aus seiner aktiven
Zeit.“, bemerkte Bond. Raoul nickte. „Da können sie von aus gehen“, antwortete
er. „Sir Henry ist der Grund, warum ich jetzt hier stehe und mit britischen
Agenten über Delectados spreche. Er hat meine Kusine geheiratet.“





Eine Stunde später saßen Bond, Raoul und Sir Henry in Raouls
stickigem, mit altem Luxus ausgestattetem, stilvollen Büro. Ein Ventilator an
der Decke sorgte für geringe Luftzirkulation. Raoul zündete sich eine Zigarre
an. „Die Anschläge“, erzählte er. „Die Anschläge betreffen ausschließlich
Plantagen einer bestimmten Planzervereinigung. Haupt dieser Vereinigung ist der
größte Zuckerrohranbauer der Insel, Juan Perez.“ Sir Henry verzog das Gesicht,
als der Kubaner diesen Namen nannte. „Weiter gehören zu der Gemeinschaft Miguel
Cruz, Tabak; Leon Martinez, Kaffee und Fernando Silva, ebenfalls Zuckerrohr.“





„Erzählen sie mir etwas über Perez“, bat Bond, der Westhams
Reaktion genau beobachtet hatte.





„Gut. Viel gibt es allerdings nicht über ihn zu sagen.
Integerer Mann mit guten Beziehungen, liebt seine Heimat über alles. Hat sich
von unten hochgearbeitet und als einfacher Arbeiter auf der kleinen Plantage
seiner Eltern angefangen. Als jüngstes Kind hatte er auch nicht viel mehr zu
erwarten. Die Wirtschaftsblockade der USA nach der Revolution brachte seine
Familie an den Rand eines Bankrottes, trotz der zunehmenden Verstaatlichung der
Produktionsbetriebe. Als die Exilkubaner schließlich 1961, wahrscheinlich unter
Leitung der CIA, eine Invasion auf die Schweinebucht starteten, verlor Perez
seine Eltern und Geschwister bei der Verteidigung ihres Landes. Er war damals
gerade mal 18 Jahre alt. Er übernahm schließlich die Plantage seiner Eltern und
konnte sie durch gutes Wirtschaften und geglückte Spekulationen schon bald erweitern.
Nach und nach kaufte Perez auch die Plantagen seiner Nachbarn auf und vor 12
Jahren tat er sich schließlich mit befreundeten Pflanzern zusammen und gründete
die Vereinigung. Er hat eine Tochter, Juanita. Seine Frau ist bereits
gestorben.“





Bond nahm die Informationen in sich auf und nickte. „Gut.
Und welche Verbindung besteht zwischen Perez und ihnen, Sir Henry?“ Er blickte
zu Westham.





„Keine mehr“, grunzte Sir Henry, holte seinen Flachmann
hervor und nahm einen Schluck. „Perez ist ein dreckiger Bastard, Bastard. War
er, war er auch damals schon als ich ihn während der Kubakrise kennen lernte.“





„Er hat ihre Tochter vergewaltigt“, gab Bond zurück, doch
Sir Henry starrte nur vor sich hin. „Interessant“, raunte Raoul und kaute auf
seiner Zigarre herum. „War das vor oder nach dem ersten Anschlag?“





„Davor“, brummte Sir Henry. „Doch ich hab nichts damit. Gar
nichts. Nichts!“





„Wer könnte ein Interesse daran haben, Perez und seiner
Vereinigung zu schaden und es so aussehen zu lassen als stecke Sir Henry
dahinter?“ Bond warf die Frage in den Raum und blickte seine beiden Mitstreiter
an.





„Perez“, rief Westham. „Er inszeniert Anschläge auf seine
Plantagen, um mir die Schuld zu geben, jawohl. Ruinieren will er mich! Sein
erster Schlag war der Übergriff auf meine Tochter und das ist sein zweiter!
Ganz sicher, ganz sicher“, wimmerte er.





„Was soll er davon haben, Sir Henry? Und sie vergessen den
Anschlag auf mich in ihrem Landhaus“, erwiderte Bond. „War das etwa auch
Perez?“





„Ja! Ja! Sein Arm reicht weit! Er ist überall.“ Westham
blickte sich gehetzt um. „Vielleicht sogar hier!“





„Verfolgungswahn“, winkte Raoul ab. „Was ist mit ihrer
Tochter Havanna? Sie könnte Rache an Perez üben wollen. Außerdem ist sie Erbin
eines beträchtlichen Vermögens.“ Sir Henry sah ihn entgeistert an. Bond
schüttelte den Kopf. „Ich sehe im Moment jemand ganz anderen als Kopf der
Intrige. Sir Henrys Neffen, Chevalier Damien de Stroy.“





Raoul strich sich über den Bart. „Was könnte er davon haben?
Er hat so gut wie gar nichts mit Perez zu tun und was hätte er davon wenn man
Sir Henry verurteilt oder entmündigt und Havanna zu einer reichen Frau macht?“





„Sie vergessen, dass die Heirat von Cousin und Cousine
durchaus erlaubt ist“, entgegnete Bond. „Und von M habe ich erfahren, dass der
Chevalier nach großen Verlusten am Aktienmarkt praktisch pleite ist.“





„Nein, nein“, ereiferte sich nun Sir Henry. „Damien ist ein
guter Junge, ein guter Junge. Es ist Perez! Perez!“





Bond schaute zu Raoul. „Vielleicht wäre es das Beste, wenn
ich mich erst einmal mit Perez bekannt mache. Können sie das arrangieren?“





„Sicher“, nickte Raoul und blickte Westham an. „Ich kann ihn
anrufen und sie anmelden. Aber sie sollten Sir Henry wohl vorher noch an seinem
Haus absetzen. Sonst könnte es Komplikationen geben.“ Dieser war auf seinem
Stuhl ganz eingesunken.





Raoul führte Bond und Sir Henry in den Innenhof zu einem
schwarzen Jaguar XK8. Bond ging um ihn herum und betrachtete ihn. „Schick und
sicher wieder mit allen Extras. Aber warum ausgerechnet schwarz auf einer karibischen
Insel? Das zieht doch so die Sonne an. Und bei solchen Ideen wundert sich Q,
dass ich die Autos immer kaputt fahre.“
"Wer ist schon Bond im Vergleich zu Kronsteen?!"

Kronsteen

James Bond Club Deutschland - SPECTRE Nr. 005

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6

Samstag, 25. Mai 2013, 22:14

„Der Wagen hat sicher eine Klimaanlage“, meinte Raoul mit
breitem Lächeln. „Es sind wieder einige neue Spielereien drin. Q meinte, sie
wüssten schon, welche Knöpfe sie wann zu drücken hätten. Es reiche ihm schon,
dass sie immer das Auto demolieren, da möchte er nicht schon wieder, dass sich
ein Handbuch, das mühsam von unterbezahlten Sekretärinnen abgetippt wird, in
seine Bestandteile auflöst.“





Bond grinste, nahm die Schlüssel von Raoul entgegen und
stieg ein. Sir Henry nahm auf dem Beifahrersitz platz. Bond startete den Wagen.
„Und ich verlasse mich darauf, dass ich bei Perez angemeldet bin, Raoul.“





„Keine Sorge. Ich sage ihm, er soll schon mal den Champagner
kalt stellen“, entgegnete Raoul grinsend und sah dem davonfahrenden Jaguar
nach.





6 – Die Vereinigung





James Bond fuhr mit Sir Henry Westham als Beifahrer und
Navigationssystem neben sich in seinem Jaguar über die Küstenstraße nach Osten.
Sie fuhren durch Guanabo, Santa Cruz, Matanzas und Varedero, bis sie
schließlich in Cárdenas in Richtung der Bahía de Santa Clara abbogen. Keiner
der beiden sprach sehr viel. Westham ließ hin und wieder einen Satz über Kuba
fallen und Bond ließ dazu ein „aha“ oder ein „interessant“ hören. Der englische
Geheimagent hing seinen eigenen Gedanken nach und überlegte was wirklich hinter
allem stecken könnte. Als er hinter sich ein weiteres Auto hörte blickte er in
den Rückspiegel. Ein blauer Lotus Elise folgte dem Jaguar. „Ihre Tochter, Sir
Henry.“





Westham drehte sich um. „Das, das ist nicht meine Tochter!“
Bond schaute noch einmal in den Rückspiegel und tatsächlich saßen zwei Kubaner
in dem Auto. „Das gefällt mir gar nicht, Sir Henry.“





Der Lotus beschleunigte und überholte den Jaguar. Westhams
Blick war starr auf das Auto gerichtet. „Was haben die vor?“ Seine Frage wurde
sofort beantwortet, denn der Lotus hinterließ eine glatte Ölspur hinter sich.
Doch Bond reagierte schnell und drückte auf einen Knopf neben dem Lenkrad und
schon spieen viele kleine Düsen unter dem Kühlergrill des Jaguars mit extremem
Druck Sand auf die Fahrbahn. Unbeschadet fuhr der Wagen nun über das Ölfeld.
„Der eleganteste Streuwagen, den ich je gesehen habe“, bemerkte Westham bewundernd,
aber immer noch ängstlich. Schon näherte sich ein zweiter blauer Lotus von
hinten. Seine Scheinwerfer fuhren nach hinten und aus der Öffnung ließen MGs
ihr tödliches Feuer auf den Jaguar niederprasseln. Funken stiebend prallten die
Kugeln an der Panzerung des Jaguars ab. Sir Henry griff zu seinem Taschentuch
und wischte sich die schweißnasse Stirn. „Früher hatte ich so etwas auch im
Auto.“





„Heutzutage bevorzugt man Raketen.“ Bond aktivierte die
automatische Zielerfassung des Jaguars und schoss aus den vorderen Scheinwerfen
Raketen ab. Ihre weißen Rauchfahnen schossen zuerst nach vorne, drehten dann um
180° und schlugen in das Verfolgerauto ein, das sofort explodierte. „Gibt es
den Schleudersitz mit dem Auslöser im Schalthebel eigentlich auch immer noch?“





„Sicher, Sir Henry“, antwortete Bond und klappte die Kappe
des Schalthebels auf. Ein roter Knopf war darunter. Dann schloss er die Klappe
wieder. „Werden wir aber jetzt nicht brauchen.“





Westham nickte, schaute sich um und hielt die Luft an, denn schon
wieder tauchten zwei Lotus Elise hinter dem Jaguar auf und zu dritt nahmen sie
ihn nun in die Zange. Bond fuhr Ausweichmanöver und beschleunigte, um den
ersten Lotus auf die Hörner zu nehmen. Doch trotz all seiner Anstrengungen
pressten sich die anderen beiden Wagen links und rechts an ihm fest,
verankerten sich mit Stahlhaken und drängten ihn in Schlangenlinien immer mehr von
der Straße. „Es wird Q das Herz brechen“, meinte Bond, als er hart in die
Bremsen ging. Der Jaguar befreite sich so aus der Umklammerung der beiden Wagen
auf Kosten seines schönen, glänzenden schwarzen Lacks, der großflächig rechts
und links absplitterte. Während sich ein Lotus noch halten konnte, kam der
andere ins Schlingern und prallte frontal gegen einen Baum. „Da waren es nur
noch zwei“, lächelte Bond überlegen. Westham holte seinen Flachmann hervor und nahm
einen ordentlichen Schluck. Während der zweite Lotus wieder die Verfolgung
aufnahm, beschleunigte der erste Lotus immer mehr und ließ den Abstand zum
Jaguar größer werden. „Was, was hat der wohl vor?“


Sir Henrys Frage wurde sogleich beantwortet als das Heck des
Lotus eine dunkelgraue Rauchwolke ausstieß. „Die… die wollen uns einräuchern!
Die Sicht nehmen!“ Keuchend saß Westham kerzengerade auf dem Beifahrersitz.
„Nur keine Panik“, sagte Bond beruhigend und drückte einen weiteren Knopf. Prompt
lichtete sich der Rauch, eingesaugt vom Kühlergrill des Jaguars. „Drehen sie
sich mal um, Sir Henry.“ Westham tat es und staunte. Der eingezogene Rauch
wurde hinten wieder ausgestoßen und nebelte den Verfolgerwagen ein, der vom Weg
abkam und schließlich in Zuckerrohrfeldern stehen blieb. Der kubanische Fahrer
fluchte.





Lächelnd drehte sich Sir Henry wieder nach vorne, nur um
sein Gesicht dann zu einer angsterfüllten Grimasse zu verziehen. „Ein… ein… ein
Kamikaze-Fahrer“, stotterte er fassungslos, denn der Lotus bremste abrupt ab
und explodierte mit einem ohrenbetäubenden Knall. Bond konnte gerade noch
rechtzeitig den Lenker herumreißen und der Jaguar holperte nun auf die Küste
zu, wo er schließlich im sandigen Boden stoppte. Bond und Sir Henry atmeten
tief durch. „Scheint als wäre ich hier in Kuba genauso unsicher wie in Bath“,
bemerkte Bond.





„Aber… aber hier ist Perez. Hier können wir etwas gegen ihn
unternehmen! Uns wehren“, schnaufte Sir Henry.





„Wenn wirklich Perez hinter alldem steckt“, meinte Bond dazu
nur und startete den Jaguar wieder. Geschickt lenkte er ihn zur Straße zurück.





Sir Henry wurde an seinem Haus abgesetzt und von seiner
Tochter in Empfang genommen. Diese erklärte Bond den Weg zu Perez’ Villa. Der
Agent bedankte sich und war nach einer kurzen Fahrt vor dem Gebäude angekommen.
Westham und Perez wohnten wirklich nicht weit voneinander entfernt. Perez’ Haus
war, groß, hell, freundlich und einladend. Ein Kiesweg führte an Palmen vorbei
zur Küste und zu einem weißen Sandstrand. Bond parkte seinen Jaguar auf dem
Schotterplatz vor dem Haus, ging zur Tür und klingelte. Ein junger, livrierter
Kubaner öffnete die Tür. „Buenas tardes, Senor.“





„Buenas
tardes. Habla usted Inglés?“





„Sicher“, lächelte der Diener. „Sie müssen der Engländer
sein, der Senor Perez angekündigt wurde.“





„Genau. Mein Name ist Bond. James Bond.“





„Treten sie bitte ein. Senor Perez hat zwar gerade eine
Konferenz mit den anderen Pflanzern, aber ich habe Anweisung sie trotzdem
vorzulassen.“ Der Diener schloss hinter dem eintretenden Bond die Tür und
führte ihn durch den Flur, der in hellen, warmen Farben gestrichen war und
durch einige einheimische Grünpflanzen sehr lebendig wirkte. An einer robusten
Doppeltür hielt der Diener und klopfte an. „Quién?“, tönte es von innerhalb.
„Senor Bond“, antwortete der Diener. Kurz darauf wurde die Tür geöffnet und ein
kräftiger, kahler Kubaner mit freundlichem Gesicht öffnete die Tür. „Bien
venido, Senor Bond! Erfreut sie kennen zu lernen.“





Bond musterte den Mann. „Senor Perez nehme ich an?“





„Si, si“, nickte der Mann. „Kommen sie doch herein.“ Bond
folgte Perez in das Arbeitszimmer. Drei Männer saßen dort an einem kleinen,
runden Tisch. Sie erhoben sich, als Perez mit Bond eintrat. Der Erste war ein
schwarzhaariger, großer, muskulöser Mann um die dreißig, der Zweite ein
schmächtiger, älterer Mann mit grauen Schläfen, grauem Schnurrbart und einem
Monokel und der Dritte ein alter Schwarzafrikaner mit mürrischem Gesicht. Perez
stellte sie der Reihe nach vor. „Miguel Cruz. Leon Martinez. Fernando Silva.
Und das hier ist James Bond. Die britische Regierung hat ihn als Detektiv auf
die Sache angesetzt.“ Die Pflanzer nickten ihm zu.





„Britische Regierung also“, bemerkte Martinez, nahm sein
Monokel ab und putzte ihn. „Sie sind doch sicher vom Geheimdienst und Sir Henry
steckt irgendwie in der Sache mit drin.“





„Nun, das stimmt in der Tat“, gab Bond zu. „Zurzeit scheint
alles auf Sir Henry als Anstifter hinzudeuten.“





„Ah ja.“ Martinez klemmte das Monokel wieder vor sein Auge.
„Und da setzt man uns natürlich einen weiteren Geheimagenten vor. Sie sind doch
befangen! Sir Henry dürfte in England immer noch als lebende Legende gelten und
sie sind sicher nur dazu da, dass diese Legende weiter aufrecht gehalten wird.
So etwas kennt man ja. Unterschlagen von Beweisen, Verdrehen der Tatsachen und
so weiter. Dabei könnte ich ihnen Sachen er…“





„Ja, ist schon gut, Leon“, meinte Perez beruhigend. „Ich bin
sicher, Senor Bond wird die Sache ganz objektiv angehen.“





„Selbstverständlich. Da können sie ganz beruhigt sein“,
versicherte Bond leicht verunsichert. Was ging hier nur vor?





„Wie können wir ihnen denn am Besten helfen?“, fragte Perez,
während die anderen Herren sich wieder setzten. Bond schaute sich im Raum um.
Die Einrichtung war von gehobener Klasse, wenn auch nicht so luxuriös wie bei
Raoul. Bücherregal und Schreibtisch waren modern, eine Tür führte hinaus auf
die Terrasse. An den Wänden hingen verschiedene Karten der Insel. „Sie könnten
mir zunächst einmal zeigen wo genau die Anschläge stattgefunden haben.“ Perez
nickte, ging zu einer Karte mit den genauen Plantagengrenzen und zeigte Bond
die Orte. „Dies sind alles die Plantagen unserer Vereinigung. Tabak,
Zuckerrohr, Kaffee und hier noch einmal Zuckerrohr. Und hier, hier und hier
wurde bisher zugeschlagen.“





Bond schaute sich die Karte genau an und prägte sie sich
ein. „Interessant.“ Bisher war von jedem der Pflanzer von Perez’ Vereinigung
eine Plantage betroffen gewesen bis auf die Kaffeeplantagen von Martinez. Zudem
waren die Sprengladungen jedes Mal zentral angebracht wurden und hatten jeweils
ein ganz bestimmtes Areal vernichtet. Es schien also Absicht dahinter zu
stecken und nicht nur rachsüchtiges Zerstören. Bond schaute zu den Pflanzern zurück.
„Gibt es irgendwelche Feinde ihrer Vereinigung? Fällt ihnen ein Grund ein,
warum Sir Henry das hätte tun sollen?“





„Sir Henry ist ein alter Säufer“, bemerkte Martinez. „Wer
weiß was in seinem Kopf alles vorgeht.“





Perez sah ihn tadelnd an. „Ich weiß auch nicht was in ihn
gefahren sein könnte. Bisher waren Sir Henry und ich eigentlich ganz gute
Freunde. Wir kennen uns schon Jahrzehnte.“





„Bisher“, grinste nun der alte, schwarzhäutige Silva. „Das
dürfte sich seit einem bestimmten Abend vor wenigen Wochen geändert haben.
Kurze Zeit später folgte der erste Anschlag.“





Schuldbewusst senkte Perez den Kopf. „Ja, das wäre in der
Tat ein Motiv für ihn oder seine Tochter“, seufzte er und schaute zu Bond.
„Wissen sie, ich war an jenem Abend sehr betrunken und außer mir als ich…“





„Sie brauchen nicht weiterreden, Senor Perez. Ich weiß
Bescheid“, sagte Bond. „Im Moment richtet sich mein Verdacht eher gegen
Westhams Neffen.“





„Was ich gesagt habe“, kicherte Martinez. „Nur nicht den
guten Sir Henry verdächtigen.“





Perez beachtete Martinez gar nicht. „Was könnte der
Chevalier für ein Motiv haben um uns zu schaden?“





„Ich gehe nicht davon aus, dass er versucht der Vereinigung
zu schaden“, antwortete Bond. „Er will sich wahrscheinlich das Vermögen Sir
Henrys aneignen, indem er ihm die Schuld an den Anschlägen zuschiebt und
schließlich seine Cousine heiratet. Ein Mord wäre zu auffällig.“





Martinez grinste, während Perez sich nachdenklich über den
kahlen Schädel strich. Silva räusperte sich. „Und was haben sie nun genau vor, Senor
Bond?“





Doch ehe Bond antworten konnte öffnete sich die Tür und eine
attraktive, reinrassige Kubanerin mit langen schwarzen Haaren trat ins
Arbeitszimmer, dicht gefolgt von einem eher unscheinbar wirkendem Kubaner mit
ebenfalls schwarzen Haaren und schwarzem, kurzem Schnurrbart. Er trug eine
Aktentasche unter dem Arm. Die Frau ging auf Perez zu und gab ihm einen Kuss
auf die Wange. „Buenas tardes, padre! Cómo estás?“





„Estoy bien, gracias“, lächelte Perez und wandte sich dem
Mann zu. „Frau und Kind wohlauf?“ Der Mann nickte. „Bueno, bueno. Habt ihr
alles erledigt?“





„Sicher. Alles läuft gut“, antwortete die Frau und schaute
sich um. Ihr Blick blieb an Bond haften. Dieser wurde von ihrer Attraktivität
sofort gefesselt.





„Wenn ich vorstellen darf“, schaltete sich Perez ein. „James
Bond vom britischen Geheimdienst, er ist gekommen um die Anschläge zu
untersuchen. Meine Tochter Juanita und Diego, mein Verwalter. Sie waren seit
gestern geschäftlich unterwegs.“





„Sehr erfreut“, sagte Bond. Diego nickte ihm kurz zu und
legte die Aktentasche auf dem Tisch ab. Perez schaute Bond an. „Ich fürchte,
ich muss sie jetzt leider hinauswerfen, Senor Bond. Wir haben hier noch einiges
zu besprechen. Vielleicht kann sich meine Tochter etwas um sie kümmern. Oder
sie bleiben gleich über Nacht hier. Dann können wir morgen beim Frühstück noch
einmal in Ruhe über alles sprechen.“
"Wer ist schon Bond im Vergleich zu Kronsteen?!"

Kronsteen

James Bond Club Deutschland - SPECTRE Nr. 005

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7

Samstag, 25. Mai 2013, 22:15

„Ja, das wäre gut möglich“, nickte Bond. „Ich habe meinen
Koffer noch im Auto. Man müsste dann nur Sir Henry informieren, dass ich erst
morgen wiederkomme.“





„Aber natürlich, junger Freund“, lächelte Perez. „Ich sage
dem Diener sofort Bescheid, dass er ihnen ein Zimmer richtet und bei Sir Henry
anruft.“





„Danke.“





„Dann folgen sie mir bitte, Senor Bond. Sie dürfen mich
Juanita nennen.“ Juanita ging zur Tür. Bond folgte ihr. „In Ordnung, Juanita.
Ich heiße James.“ Er schaute sich beim Verlassen des Zimmers noch einmal um.
Alle hatten sich an den kleinen Tisch gesetzt, an dem Diego einige Dokumente
aus der Aktentasche hervorholte. Er schloss die Tür. Juanita redete kurz mit
dem Diener und schaute den Agenten dann verführerisch an, als sich der Diener
wieder entfernte. „Ich weiß schon, was wir nun tun könnten“, hauchte sie.





„Ich bin ganz der ihre“, erwiderte Bond lächelnd und schlang
einen Arm um Juanitas Hüfte. „Ich wollte schon immer in die Schönheiten Kubas
eintauchen.“





„Sehr schön“, lächelte Juanita. „Genau das habe ich auch
vor. In der Bahia de Santa Clara gibt es wunderschöne Korallenriffe. Wir haben
genug Tauchgeräte hier und es ist nur ein Katzensprung bis zum Strand.“





Juanita ging zu einem Lagerraum und holte dort
Taucherbrillen, Sauerstoffflaschen und
Handtücher hervor. „Sie haben Badezeug dabei, James?“ Bond nickte. „Gut,
dann gehe ich schon einmal mit einigen Sachen vor. Ihr Zimmer ist im Obergeschoss,
das erste links.“ Sie schnappte sich die Handtücher und ein Tauchgerät und ging
mit aufreizendem Hüftschwung zur Terrassentür. Bond sah ihr beeindruckt nach.





7 – Rushhour





James Bond tauchte aus dem warmen, klaren Wasser auf und
ging über den weichen, weißen Sand zum Badehandtuch. Zwei Stunden lang hatte er
nun die Schönheit der Korallenriffe und Juanitas genossen. Graziös spazierte
Juanita vor ihm her, legte das Tauchgerät ab und ließ sich auf das Handtuch
sinken. Sie war schlank und sehr sportlich.


Bond legte ebenfalls ab und sich neben ihr. Lächelnd strich
er eine schwarze Strähne aus ihrem gebräunten Gesicht. „Du schwimmst sehr gut.“





„Das ist nicht alles, was ich sehr gut kann“, gab sie keck
zurück.





„Ich weiß.“ Der Agent beugte sich zu ihr hin und küsste sie
zärtlich. Doch gerade als Juanita ihren Arm um ihn legen wollte, brach er ab
und schaute hoch. Eine Person stand neben einer Palme und beobachtete die
beiden. Als Bond seinen Blick in die Richtung lenkte, verschwand sie schnell
wieder. „Was hast du, James?“





„Nichts“, antwortete Bond schnell und widmete sich wieder
der schönen Kubanerin. Die Person hatte auffallende Ähnlichkeit mit Havanna
gehabt. Doch was konnte sie hier wollen? Was war der Grund, dass sie hier
herumschlich? Fragen über Fragen. Seit seiner Ankunft in Kuba schien sich alles
mehr und mehr zu verkomplizieren. Sir Henry verdächtigte Perez, doch schien der
freundliche, kahle Kubaner kein Motiv zu haben. Martinez verdächtigte Sir
Henry, der sich für die Vergewaltigung seiner Tochter durch Perez rächen wollen
könnte. Doch schien dies für Perez unvorstellbar zu sein. Havanna hätte
dasselbe Motiv wie ihr Vater und zudem noch Aussicht auf ein beträchtliches
Erbe wie Raoul bemerkte. Bonds Verdacht war ja, dass genau dieses Erbe Ansporn
für den verschuldeten Chevalier war. Oder war das doch zu weit hergeholt?
Sperrte sich Bond tatsächlich gegen die Verdächtigung von Sir Henry und
Havanna? Das schien jedenfalls Martinez zu denken. Martinez’ Kaffeeplantagen
waren bis jetzt noch kein Opfer der Anschläge. Zufall oder Absicht? Steckte
Martinez hinter alldem? Bond seufzte. Er würde wohl wieder eine Nachtschicht
einlegen müssen. Doch zuvor brauchte er etwas Abstand, um seine Gedanken zu
ordnen. Lächelnd blickte er Juanita an und streichelte über ihren wohlgeformten
Körper.





Mit Einbruch der Dunkelheit kamen Bond und Juanita vom
Strand zurück. Die Vereinigung tagte immer noch im Arbeitszimmer. Bond duschte,
zog sich um und nahm dann allein mit Juanita ein kleines Abendessen, bei dem
sie noch einmal die Vorfälle zur Sprache brachten. „Hast du eigentlich einen
Verdacht wer hinter den Anschlägen stecken könnte, Juanita?“





„Nun ja“, begann Juanita. „Wenn da nicht das Problem wäre, dass
die Bombenleger von Sir Henrys Konto bezahlt worden sind, wäre die Lösung
einfach. Es gibt viel Terror gegen Kuba. Kuba ist ein kommunistisches Ziel in
Reichweite der USA und dann gibt es natürlich noch die Exilkubaner in Florida,
die das Land während der Revolution verlassen haben und den alten Zuständen
nachtrauern. Sie wissen vielleicht von der Invasion der Schweinebucht 1961.
Mein Vater hat dabei seine ganze Familie verloren.“





„Ist mir bekannt“, nickte Bond.





„Seitdem hat sich nicht viel verändert, nur die Maßnahmen
sind subtiler geworden.“ Juanita seufzte. „Der nächste Schicksalsschlag für
meinen Vater war dann der Zusammenbruch der Sowjetunion 1991, ein herber Schlag
für die kubanische Wirtschaft. Seitdem ist hier die Perioda especial in Kraft,
die die genaue Zuteilung von Strom, Wasser und dergleichen regelt. Zu bestimmten
Zeiten wird der Strom in den Dörfern einfach abgestellt. Als Tourist merkt man
solche Dinge natürlich nicht. Die Hotels hängen ständig am Netz. Dass dafür
viele Leute ohne Energieversorgung auskommen müssen ist kaum bekannt, aber
immerhin kommt durch den Tourismus einiges an Geld ins Land. Mein Vater liebt
sein Land und die Bewohner. Es mag sein, dass er dadurch zum Ziel der Anschläge
geworden ist. Ich will nicht sagen, dass er überzeugter Sozialist oder
Kommunist ist, aber er ist ein Kind dieser Insel und er setzt sich vielfältig
sozial ein, spendet für Schulen, Krankenhäuser und dergleichen. Dazu hat er
sich mit Gleichgesinnten zusammengetan und die Pflanzervereinigung gegründet.“





„Ein sehr engagierter Mann, dein Vater“, bemerkte Bond und
wurde nachdenklich. „Es ist natürlich durchaus möglich, dass der Terror gegen
die Pflanzer politisch motiviert ist. Sir Henry hat sicher noch Kontakte in die
USA. Aber trotzdem, ich kann es mir einfach nicht vorstellen.“





Juanita zuckte mit den Schultern. „Nun, das ist deine Sache,
aber wenn du die Wahrheit ans Licht bringen willst, musst du jede Möglichkeit
mit einbeziehen.“ Sie trank ihren Kaffee aus und verließ das Speisezimmer. Bond
seufzte, Juanita hatte ja Recht. Er schälte sich noch eine Orange, aß sie in Gedanken
versunken und ging dann auf sein Zimmer. Dort zog er sich um, griff sich
Taschenlampe und Taschenrechner und begann mit der Durchsuchung des Hauses. Im
ersten Stock waren nur Schlafzimmer, also ging er die Treppe hinunter in den
unteren Flur.





Bond schlich sich zur Tür des Arbeitszimmers und lauschte.
Die Pflanzer waren immer noch am Debattieren. Der Geheimagent trat einen
Schritt zurück und schaute sich um. Niemand war zu sehen oder zu hören.
Schattengleich glitt er lautlos zur nächsten Tür und drückte auf die Klinke.
Die Tür war offen und Bond schlüpfte in den Raum. Er ließ den matten Schein
seiner Taschenlampe durch das Zimmer gleiten und schaute sich um. Anscheinend
war es ein zweites, kleineres Arbeitszimmer. Es gab ein Bücherbord, einen
Schreibtisch mit PC und einen Safe. Bond pfiff leise. „Das trifft sich ja gut.
Aber eins nach dem anderen.“





Bond lauschte und hörte nur die Stimmen von Perez und den
anderen im Raum nebenan. Er setzte sich auf den Bürostuhl und fuhr den Computer
hoch. Dann wühlte sich der Agent durch die Dateien, die aber allesamt nichts
Besonderes enthielten, nur Schriftverkehr, Abrechnungen und dergleichen.
Schließlich gelangte Bond an den Ordner ‚Private’, doch als er ihn öffnen
wollte erschien eine Passwortabfrage. „Hätte ich mir denken können“, raunte
Bond entmutigt und schaltete den PC wieder ab.





Bond stand auf und ging zum Safe. Er war gesichert durch
eine elektronische Zahlenkombination. Bond holte den Taschenrechner hervor und
scannte die Tasten. Nach den bekannten zwei Signaltönen erschienen vier Ziffern
auf dem Display: 1269. Bond klappte den Rechner zu und steckte ihn weg. Er
drückte die vier Nummerntasten und wollte den Safe öffnen, doch dieser blieb
verschlossen. „Sauerei“, fluchte Bond. „Sonst funktionieren Qs Spielereien doch
auch immer perfekt.“ Er wollte sich schon abwenden, als ihm plötzlich der
rettende Gedanke durch den Kopf schoss. Natürlich! Das Gerät konnte zwar anhand
der Fingerabdrücke erkennen, welche Tasten gedrückt worden waren aber nicht in
welcher Reihenfolge!


Lächelnd wendete sich Bond wieder dem Safe zu und überlegte.
1269… 1962, das könnte die Lösung sein. Das Jahr der Kuba-Krise würde sich
Perez sicher gut merken können. Bond probierte die Kombination aus und der Safe
sprang tatsächlich auf. Na also! Er griff sich die Dokumente und sah sie kurz
durch, doch viel konnte er nicht daraus herauslesen. Bond verfluchte sich
innerlich, dass er nicht besser spanisch konnte. Allerdings schien es sich um
Korrespondenz zwischen Perez und einem gewissen Coronel Adoro zu handeln. Was
könnte Perez mit einem kubanischen Oberst zu tun haben? Bond schaute die
Dokumente weiter durch und fand noch einen Pachtvertrag für einen Leuchtturm.
Er strich sich nachdenklich durch das Haar. Was könnte Perez mit einem
Leuchtturm wollen? Oder war das auch nur ein Teil von Perez’
Subventionierungsarbeit? Wäre auch gut möglich, eigentlich sogar sehr
wahrscheinlich. Bond packte alles wieder ordnungsgemäß in den Safe und schloss
ihn wieder. Das Bargeld darin interessierte ihn nicht. Schließlich war er
Geheimagent und kein Einbrecher.


Schritte auf dem Flur ließen Bond auffahren. Rasch sah er
sich um. Eine gute Fluchtmöglichkeit bot sich durch die Terrassentür. Schnell
eilte er hin, da wurde auch schon die Türklinke heruntergedrückt. Eilig entschwand
Bond nach draußen und presste sich neben dem Fenster an eine Wand. Langsam
lugte er in das Arbeitszimmer herein. Es war nur der Diener, der nach dem
Rechten sah und auch gleich wieder ging. Bond atmete erleichtert aus.


Doch sofort wurde er erneut aufgeschreckt. Es polterte und
klirrte. Irgendjemand schien einen der Terracotta-Blumentöpfe umgeworfen zu
haben. Bond blieb regungslos an der Wand stehen und schaute sich um.


Tatsächlich stakste da eine dunkle Gestalt mit einem
Revolver durch den Garten. Bond war nicht der Einzige, dem diese Gestalt
aufgefallen war, denn nur wenige Schritte entfernt öffnete sich eine
Terrassentür und Miguel Cruz kam hinaus. Er sah sich kurz um, entdeckte die
Gestalt und überwältigte sie rasch. Er nahm ihr den Revolver ab und zerrte sie
ins Licht. Es war Sir Henry!





„Lass den Alten laufen“, ertönte eine Stimme aus dem
Konferenzzimmer und Cruz schubste Westham von sich weg. „Verzieh dich!“





Sir Henry hob drohend seine geballte Faust und verschwand
wieder im Dunkeln, während Cruz in das Zimmer zurückging und die Tür schloss. Bond
strich sich durch das Gesicht. Was hatte das denn nun wieder zu bedeuten? Erst
Havanna am Strand und dann Sir Henry im Garten… war er nun doch in eine
Privatfehde hineingeraten?





Bond seufzte und ging wieder zur Arbeitszimmertür. Doch
diese war von dem Diener verschlossen worden. So drehte er sich wieder um,
lauschte und schlich sich auf der Suche nach einer offenen Tür oder einem
offenen Fenster um das Gebäude herum.


Als er auf der Frontseite angekommen war öffnete sich
plötzlich die Haustür und geistesgegenwärtig presste Bond sich wieder an die
Mauer. Ein Mann trat aus dem Haus auf den Schotterplatz, sah sich in alle
Richtungen um, bemerkte Bond jedoch nicht. Es war Diego, der Verwalter von
Perez, der sich heimlich davon machte.





„Interessant“, sagte Bond leise und entschied sich Diego zu
folgen. Er wartete bis der Kubaner einen gebührenden Vorsprung hatte, trat dann
aus dem Schatten der Villa und heftete sich an Diegos Fersen.


Über den Schotter vor Perez’ Haus ging es zur Landstraße,
die um diese Zeit wie leergefegt war. Ein laues Lüftchen ging und eine Wolke schob
sich langsam vor den vollen Mond. Von der Küste her hörte man das leise
Rauschen des Wassers und das leichte Rascheln der Palmzweige. Diego schien es
recht eilig zu haben. Er hatte Bond immer noch nicht bemerkt und hielt auf ein
bestimmtes Gebäude zu. Als sie näher kamen erkannte Bond es. Es war das Haus
von Sir Henry! „Das wird ja immer interessanter“, bemerkte Bond und folgte dem
Kubaner weiterhin.


Dieser ging um das Haus herum zur Hintertür. Dabei streifte
er ein Gebüsch und etwas fiel aus seiner Jackentasche. Diego schien es nicht
bemerkt zu haben, denn er ging ohne zu zögern weiter. Bond folgte ihm bis zu
diesem Gebüsch, blieb stehen und schaute noch zu wie Diego durch die offene
Hintertür das Haus betrat. Kurze Zeit später flammte das Licht in einem Zimmer
des Obergeschosses auf. Ein Schatten erschien am Fenster und zog die Vorhänge
vor. Bond verzog nachdenklich das Gesicht und bückte sich. Er schaltete seine
Taschenlampe an und hatte Diegos Verlust schnell gefunden. Es war ein Kondom.
„Na sieh mal einer an“, ließ Bond verlauten ehe es ihm wie Schuppen von den
Augen fiel. Sofort stand er senkrecht da. Havanna! Aber wie konnte das sein? War
sie nicht noch ganz verschreckt durch Perez’ Übergriff? Er hatte ihr Gespräch
mit dem Chevalier doch belauscht. Oder war Havanna in Wahrheit eine skrupellose
Femme fatal, die ihren Körper benutzte um an ihre Ziele zu gelangen?





Bonds Gedankengänge wurden aber jäh unterbrochen als er eine
schwankende Gestalt auf der Landstraße ausmachte. Sir Henry kam also nach
Hause. Bond entschied sich, ihm entgegenzugehen. An der Auffahrt zum Haus
trafen sie sich. Sir Henry stolperte in Bonds Arme und ließ seinen Flachmann
fallen. „Nanu. Was, was machen sie denn hier, 007?“ Westham rieb sich die
Augen.





„Das ist jetzt nicht so wichtig, Sir Henry. Viel wichtiger
ist was sie hier anstellen. Bewaffnet bei Perez herumschleichen. Was soll das?
Haben sie das nötig, Sir Henry?“





„Sie… sie haben mich gesehen?“, gluckste Sir Henry.
„Irgendjemand muss, muss doch was tun um Pez… um Perez aufzuhalten. Sonst…
sonst legt er uns noch alle um. Sie, mich, Havanna! Ich wollte dem ein Ende
bereiten! Ein Ende! Jawohl!“





„Haben sie Beweise dass Perez hinter den Anschlägen steckt?“





„Beweise? Pah! Wer braucht schon Beweise, wenn er die Lizenz
zum Töten hat. Ich war… ich bin berühmt für meinen untrüglichen Instinkt!
Jawohl!“ Westham hustete.





Bond tat es weh, Sir Henry so zu sehen. „Sie gehören ins
Bett, Sir Henry. Sie müssen sich erst einmal ausschlafen. Das hätte ganz schön
ins Auge gehen können bei Perez. Kommen sie.“ Er stützte Westham und bugsierte
ihn zum Haus.





„Perez steckt hinter allem“, rief Sir Henry. „Nur er! Nur,
nur er! Niemand sonst, nein, nein, sonst keiner. Havanna und Damien sind liebe
Kinder. Lieb!“





„Ruhig, Sir Henry“, meinte Bond leise. „Geben sie mir lieber
den Hausschlüssel.“





Westham seufzte herzzerreißend, griff in seine Hosentasche
und gab Bond den Schlüssel. Bond schloss auf. „Wo ist ihr Zimmer, Sir Henry?“





„Oben rechts“, hustete Westham. Bond schloss die Tür hinter
sich und brachte Sir Henry auf sein Zimmer. Doch so sehr er sich bemühte dies
lautlos zu bewerkstelligen, konnte er es nicht verhindern, dass Westham an eine
Kommode stieß und ein bronzener Obstteller auf den Boden schepperte.
Schließlich wuchtete der britische Agent seinen Vorgänger in das weiche
Himmelbett. „Perez macht sich selbstständig… loswerden, loswerden will er mich…
töten“, murmelte Westham noch, während ein Tropfen Speichel auf das hellblaue
Satinkissen tropfte bis er schließlich einschlief.


Bond lehnte sich gegen die Wand und massierte sich die
Schläfen. Er atmete tief durch. Viel hatte er schon erlebt und noch mehr
durchgemacht in seinen Jahren beim MI6. Aber nichts war so schmerzlich wie eine
Legende so kläglich enden zu sehen. Noch dazu verstrickt in einem Gespinst, das
noch undurchdringlich schien und immer verworrener wurde. Im Geiste ging Bond
noch einmal alles durch und er blieb bei Martinez hängen, Martinez und seine
Kaffeeplantage. Noch dazu wenn man bedenkt wie gezielt die früheren Anschläge
waren. Die Lösung musste einfach auf den Feldern der Plantagen selbst zu finden
sein.





Langsam riss Bond sich los und verließ Westhams
Schlafzimmer. Sich hier noch einmal umzusehen würde sicher nichts bringen.
Diego und Havanna sind sicher nach dem Lärm der Obstschale aufmerksam geworden.
Bond seufzte, ging die Treppe hinab und verließ das Haus. Sollte er sich
wirklich so in Havanna geirrt haben?


Lustlos schlenderte er über die Landstraße, die ihm nun gar
nicht mehr so romantisch erschien wie noch vor kurzem als er Diego zu seinem
Stelldichein verfolgt hatte, sondern nur noch trostlos. Das sanfte, beruhigende
Rauschen und die angenehme kühle Nachtluft waren ihm egal. Er hatte heute Abend
Entdeckungen gemacht, die er lieber niemals gemacht hätte. Bond presste die
Lippen zusammen als er seinen Fuß auf den Schotter von Perez’ Villenvorplatz
setzte. Er atmete noch einmal tief durch und sah sich um. Er musste immer noch
einen Weg finden ungesehen wieder ins Haus zu kommen. Langsam näherte er sich
wieder dem Gebäude. Auf der Frontseite war alles zu, also schlich er an der
Wand vorbei zur Ecke. Schritt setzte er sachte vor Schritt. Doch als er um die
Ecke trat musste er einen Aufschrei unterdrücken und fasste sich ins Gesicht.
Dieses unerträgliche Brennen. Pfefferspray!





Mühsam versuchte Bond die Augen zu öffnen. Er hangelte nach
seiner Walther und zog sie. Das einzige was er noch ausmachen konnte war eine
männliche Gestalt, die zwischen den Häusern einer kleinen Ansiedlung in der
Nähe verschwand. Was war das nur für eine Nacht. Leise fluchend tastete sich
Bond die Wand entlang zu einem Wasserhahn für Gartenschläuche, den er am frühen
Abend neben der Tür zum Strandweg gesehen hatte. Er fand ihn schließlich,
kniete sich hin und drehte ihn auf. Er fing das erfrischende, kalte Wasser mit
seinen Händen auf und wusch sich die Augen und das Gesicht aus. Langsam aber
stetig verebbte das Brennen. Bond drehte den Hahn zu und ließ sich an der Wand
auf den weichen Sand sinken. „Rushhour auf Kuba“, lächelte Bond müde. „Und das
mitten in der Nacht.“ Bond brauchte nicht lange zu überlegen wer dieser Mann
jetzt war. Es gab nur eine Möglichkeit, Chevalier Damian de Stroy. Damit wäre heute
wirklich das gesamte Haus Westham auf den Beinen gewesen. Obwohl der Fluchtweg
schon merkwürdig war. Die Siedlung lag in entgegen gesetzter Richtung zum Haus
der Westhams. Aber Bond hielt den Chevalier für einen überaus intelligenten
Menschen. Es wäre nur wahrscheinlich, dass er in die falsche Richtung flieht
nur um Verwirrung zu stiften.
"Wer ist schon Bond im Vergleich zu Kronsteen?!"

Kronsteen

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8

Samstag, 25. Mai 2013, 22:15

Schleppend richtete Bond sich wieder auf und fand
schließlich Zugang zum Haus über ein Küchenfenster. Rasch ging er in sein
Zimmer und legte sich ins Bett. Und diesmal war es ihm egal wenn irgendwo Gas
entweichen und ihm langsam sein Leben nehmen würde. Er fühlte sich wie in einem
bösem Traum. Diese Sache nahm ihn emotional mehr mit als er sich eingestehen
wollte. Eigentlich müsste er bei M darum bitten, dass der Fall von jemand
anderem untersucht werden sollte. Doch auch das würde nichts bringen. Bond
wusste genau, dass M ihm den Fall gegeben hatte weil sie viel Vertrauen in
seine Erfahrung und sein Können hatte und sie genau wusste, dass er für diesen
Fall der Beste war. Bond wälzte sich noch lange herum ehe er in einen
traumlosen Schlaf fiel.





8 – Ein Bombentag





„Guten Morgen“, grüßte James Bond müde, als er sich an den
wohl gedeckten Frühstückstisch in Perez’ Speisezimmer niederließ. Die kalte
Dusche, die er sich eben noch gegönnt hatte, hatte ihn zwar erfrischt, konnte
seinen Gemütszustand jedoch auch nicht ändern. Er nahm sich vom Toast und goss
sich Kaffee ein, den er schwarz trank. Alle waren um den Tisch versammelt,
Perez und seine Tochter, die drei Pflanzer – anscheinend hatten sie nach der
langen Sitzung sofort hier übernachtet - und Diego, der Verwalter. Alle
schienen den Tag frohen Mutes begonnen zu haben, nur Diego wirkte etwas nervös.





„Guten Morgen, Senor Bond“, lächelte Perez väterlich. „Ich
hörte sie hatten gestern noch einen schönen Abend.“





„Danke, der Abend war wirklich sehr angenehm. Nur die Nacht
hätte besser sein können. Ich habe schlecht geschlafen.“ Bond nahm einen
Schluck vom Kaffee. Er war recht stark und Bond konnte langsam wieder seine
erwachenden Lebensgeister fühlen.





„Sie sehen auch gar nicht gut aus“, bemerkte Martinez und
schaute Bonds Gesicht an, das noch leicht geschwollen war. „Eine Allergie?“





„Wird schon wieder“, blockte Bond ab und biss in seinen
Toast, den er zuvor mit Honig versüßt hatte.





„Sicher, sicher. Das kommt gar nicht in Frage, dass sie
jetzt hier auch noch ausfallen. Sie werden schon Licht in diese Sache bringen“,
verkündete Perez optimistisch, während Juanita sich etwas Grapefruitsaft ins
Glas goss.





„Haben sie schon Pläne für den heutigen Tag, Senor Bond?“,
fragte nun Silva.





„Nun“, begann Bond. „Ich werde mich wohl etwas in der
Umgebung umsehen und mich noch einmal mit den Westhams befassen.
Irgendetwas scheint da wirklich nicht zu
stimmen.“ Doch schnell wechselte er das Thema. „Und sie haben ihre Sitzung
vertagt? Oder sind sie die Nacht noch zum Ergebnis gekommen?“





„Oh, nein. Mittlerweile ist alles geklärt. Die Verluste
durch die Anschläge können wir ganz gut kompensieren und unser neues Projekt
wird bald ohne Probleme starten können“, erzählte Perez offenherzig.





„Ein neues Projekt?“, fragte Bond interessiert.





„Nichts besonderes“, antwortete Martinez schnell und Bond
schaute zu ihm. „Ein wenig expandieren, die Plantagen umgestalten und
dergleichen eben. Effektivitätssteigerung, besseres Kosten-Nutzen-Verhältnis
und so weiter. Die Gesetze der Marktwirtschaft dürften sie als Kapitalist
sicher kennen“, gab er mit einem Hauch von Sarkasmus von sich.





Das Klirren eines Glases und das Umfallen eines Stuhles
jedoch hielten Bond von einer Antwort ab. Juanita war aufgesprungen und
unterdrückte einen Schrei. Ihr frischer Grapefruitsaft benetzte den Boden. Bond
folgte ihrem Blick. Ihr Vater hatte sich ans Herz gegriffen und war am Röcheln.
„Vater!“





„Ich rufe den Arzt“, rief der junge Diener, den die
Geräusche ins Zimmer gelockt hatten, und eilte wieder hinaus. „Merkwürdig“,
dachte Bond und schaute sich um. Silva wirkte echt besorgt, Cruz war
aufgestanden und hatte seinen Arm um Juanita gelegt um sie zu beruhigen.
Interessanter waren da schon Diegos und Martinez’ Reaktionen. Der Verwalter
schien wirklich unerfreut über dieses Ereignis zu sein, aber es schien ihm
dabei komischerweise gar nicht so recht um Perez zu gehen. Doch um was dann?
Martinez hingegen konnte nichts erschüttern. Man hätte Perez sicher auch direkt
neben ihm niederschießen können und er hätte keine Miene verzogen. Bond nahm
sich vor bei Raoul nach weiteren Informationen über Martinez zu fragen und
schaute zurück zu Perez, der blass in seinem Stuhl hing.





Eine halbe Stunde später schloss Juanita die Tür von Perez’
Schlafzimmer und ging wieder hinunter in den Speisesaal, wo die Herren noch
warteten. „Nun? Was ist mit deinem Vater, Juanita?“, fragte Cruz, der sofort
bei ihr war und sie zu ihrem Stuhl führte.





„Ein Herzanfall. Bereits sein zweiter“, erzählte sie und
ließ sich kraftlos in den Stuhl sinken. Juanita stützte ihren Kopf auf ihre
Hand ab. Ihr schwarzes Haar umspielte die gebräunte Haut des Unterarms wie ein
vorzeitiger Trauerflor. Silva blickte sie an. „Wie ist denn das möglich? Juan
erzählte mir vorgestern noch von seiner letzten Untersuchung. Alles schien in
Ordnung zu sein. Die Medikamente hätten angeschlagen.“





Erschöpft erwiderte Juanita seinen Blick. „Ich weiß es auch
nicht. Der Arzt ist noch bei ihm und nimmt Blut ab. Vielleicht bringt das Licht
ins Dunkel.“





„Welches Dunkel? Wir kennen doch Juans Lebensweise. Er lebt
gerne und gut und ist durch den ersten Infarkt schon vorbelastet. Selbst mit
den Medikamenten bleibt er ein Risikopatient“, merkte Diego schüchtern an.
„Oder etwa nicht?“





Martinez tönte dagegen: „Aber es ist doch sehr seltsam, dass
unser Freund gerade jetzt umkippt wo gestern Nacht noch der bewaffnete Sir
Henry hier herumgeschlichen ist!“





„Sie glauben also wirklich an einen Mordversuch?“, fragte
Bond. Juanita schluckte.





„Sir Henry hätte ihn doch schon die Nacht niedergeschossen,
wenn wir ihn nicht bemerkt hätten. Und wenn sie mir nicht glauben, dass er hier
war, Cruz hat seinen Revolver an sich genommen.“ Martinez sah zu Cruz, der den
Revolver aus einer Tasche seines Sakkos hervorholte und auf den mittlerweile
leeren Tisch legte.





Bond brauchte gar nicht hinsehen, er wusste auch so, dass es
wirklich Sir Henrys Revolver war. „Man sollte wirklich erst einmal die
Blutuntersuchung abwarten. Trotzdem werde ich Sir Henry auch noch einmal unter
die Lupe nehmen.“





„Recht so“, nickte Martinez.





„Ich darf mich dann jetzt auch empfehlen“, sagte Bond. „Hier
kann ich ohnehin nichts mehr tun. Ich werde mich dann heute Abend noch einmal
melden.“





„Gut. Ich begleite sie dann hinaus“, bot Silva an, aber Bond
lehnte ab. „Bemühen sie sich nicht. Ich kenne den Weg.“ Silva nickte und Bond
verließ den Raum. Doch statt zum Ausgang ging Bond zum Konferenzraum. Dort
hielt er inne und sah sich noch einmal um. Niemand war zu sehen oder zu hören.
Rasch öffnete er die Tür und schlüpfte in das Zimmer. Zielstrebig ging er zur
Wand und holte Notizblock und Stift hervor. Er studierte die Karte der
Plantagen und machte sich eine kleine Skizze dazu. Dann steckte er den Block
wieder ein und verließ das Zimmer. Der Agent schloss die Tür hinter sich.
Gerade noch rechtzeitig, denn schon wurde er von Silva entdeckt. „Sie sind ja
immer noch da. Ausgang doch nicht gefunden?“





„Doch, doch. Ich dachte nur, ich hätte ein Geräusch gehört.“





„Verfolgungswahn? Übervorsichtigkeit? Wahrscheinlich eine
Berufskrankheit der Geheimagenten“, bemerkte Silva dazu. „Bei Sir Henry trifft
wohl mittlerweile Ersteres zu. Zu ihren Gunsten will ich mal hoffen, dass es
bei ihnen die Vorsicht ist. Aber auch nicht verwunderlich, wenn man bedenkt,
dass hier nachts der bewaffnete Nachbar herumgeschlichen ist. Wenn ich sie nun
doch hinausbegleiten dürfte?“





„Natürlich“, antwortete Bond, denn schließlich hatte er
mittlerweile das was er wollte. „Sie glauben also auch, dass Sir Henry hinter
den Anschlägen steckt, Senor Silva?“





„Ich weiß es nicht. Genau sagen, kann ich nur, dass ich es
nicht bin. Und warum sollte einer von uns Pflanzern der Vereinigung Schaden
zufügen? Sir Henry hat meiner Meinung nach das beste und das einzige Motiv.
Rache für die Vergewaltigung seiner Tochter.“





Bond nickte nachdenklich und schwieg. Sollte es wirklich so
einfach sein? Irgendwie konnte er das nicht so recht glauben. An der Haustür
verabschiedete sich Bond dann von Silva, der noch einmal sein Bedauern über den
Vorfall ausdrückte, und ging zu seinem Jaguar. Er sah wirklich durch den
abgesplitterten Lack sehr ramponiert aus. Aber so lange das alles blieb konnte
Q ja zufrieden sein. Bond lächelte, schloss die Fahrertür auf und setzte sich
auf den Fahrersitz. Er schaute noch einmal nach rechts zu Silva. Dieser war,
wie zu erwarten, schon wieder ins Haus gegangen und hatte die Tür geschlossen.


Bond holte sein Handy hervor und rief Raoul an. Dieser
meldete sich nach dem zweiten Klingeln. „Ja?“





„Bond hier. Guten Morgen, Raoul. Ich bräuchte ein paar
Informationen.“





„Nur zu. Fragen sie ruhig. Ich helfe ihnen gerne soweit ich
kann.“





„Danke. Ich wüsste gerne mehr über die Pflanzer,
insbesondere über Leon Martinez.“





„Tja. Eigentlich gibt es da nicht viel zu erzählen. Außer
vielleicht, dass sich Cruz und Silva genauso wie Perez auch von unten
hochgearbeitet haben und Familienmitglieder während der Invasion der
Schweinebucht verloren. Cruz war zwar damals noch nicht geboren, aber sein
Vater gehörte schon zur Vereinigung. Er ist vor zwei Jahren an Altersschwäche
gestorben. Cruz und Juanita Perez sind übrigens verlobt. Martinez ist
tatsächlich ein interessanterer Fall. Er sticht in so fern heraus, dass seine
Familie schon immer zu den reichsten Pflanzern der Insel gehört hat und er
während der Invasion keine Verluste zu beklagen hatte. Man dachte auch, dass er
wie viele andere aus der Oberschicht in die USA emigrieren würde, doch dem war
nicht so. Viele glaubten, dass er nur blieb, weil er ein Agent der CIA ist und
deshalb als Spion bleiben musste. Andere sagten, er würde es eher mit dem KGB
halten. Wenn sie mich fragen ist beides Quatsch. Perez würde sich nicht mit
einem CIA-Agenten zusammentun und Verbindungen mit dem KGB hätten wir damals
schon längst aufgespürt. Es gab nie Verdachtsmomente gegen ihn. Martinez ist
reich, hart und arrogant, aber absolut sauber.“





„Ich bin mir da nicht so sicher, Raoul“, gab Bond seine
Bedenken zum Besten. „Ich werde mich mal auf seiner Plantage umsehen.“





„Dann seien sie bitte vorsichtig, Mr. Bond.“





„Keine Sorge. Ich melde mich dann später wieder. Ende.“ Bond
legte auf und holte den Zettel mit der kleinen, abgezeichneten Karte hervor.
Nachdem er diese studiert hatte, startete er den Wagen und fuhr über einige
Landstraßen ins Innere Kubas.
"Wer ist schon Bond im Vergleich zu Kronsteen?!"

Kronsteen

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9

Samstag, 25. Mai 2013, 22:16

Schließlich erreichte Bond die Kaffeeplantagen, parkte
seinen Wagen an einem schattigen Wäldchen, stieg aus und nahm sich noch einmal
die Karte vor. Nach seinen Berechnungen müsste er ganz nahe an dem zentralen
Punkt der Plantagen sein, an dem auch schon bei allen anderen die
Sprengladungen hochgegangen waren. Bond steckte die Karte wieder weg und sah
sich um. Ein paar einfache kubanische Arbeiter waren auf den Feldern
beschäftigt und ein voller Pferdewagen bog gerade auf die Landstraße. Bond
wandte sich ab und lenkte seine Schritte zu einem Trampelpfad, der sich
zwischen den Feldern hindurchschlängelte. Hörte er anfangs noch die Stimmen der
Arbeiter und das Rascheln der Kaffeesträucher so wurde es mit jedem Schritt
ruhiger. Vorsichtig blickte sich Bond immer wieder um, doch es war nichts
Auffälliges zu sehen. Doch schließlich stockte er. Er war an einer Reihe
besonders dicht stehender Kaffeesträucher angekommen, an denen sich der Pfad
gabelte und mit leichter kreisartiger Neigung daran vorbei führte. Das musste
das zentrale Areal sein, das auch schon bei Cruz, Silva und Perez in Flammen
aufgegangen war!


Vorsichtig und geschickt arbeitete er sich an den
Kaffeesträuchern vorbei und stieß auf ein weiteres Hindernis. Ein großes Netz,
in das Blätter von Kaffeesträuchern eingearbeitet waren. Bonds Gehirn schaltete
sofort und noch ehe er das Netz zur Seite geschlagen hatte und diese
versteckten Feldern betrat, war ihm klar was er hier vorfinden würde – Mohn. So
ähnlich hatte auch Dr. Kananga alias Mr. Big seine Felder auf San Monique
getarnt und natürlich sah Bond seine Überlegung sofort bestätigt. Hier war
tatsächlich ein riesiges Mohnfeld versteckt und Bond hatte keinen Zweifel
daran, dass selbiges auch auf den anderen Plantagen der Pflanzervereinigung
vorzufinden gewesen war. Damit war schon einmal ein Geheimnis gelüftet, die
Pflanzervereinigung war in Wirklichkeit ein Drogenkartell! Bond schluckte. Sein
Herz schnürte sich zu. Diese Entdeckung war nichts weiter als ein weiteres
Indiz für Sir Henrys Schuld! Es lag durchaus im Bereich des Möglichen, dass Sir
Henry Selbstjustiz gegen die Verbrecher verüben würde. Er war psychisch
durchaus dieses Verhaltens fähig, wie Bond selbst letzte Nacht leidvoll hatte
feststellen müssen. Aber es konnte nicht sein! Es durfte einfach nicht sein,
dass dieser ehemalige Topagent ihrer Majestät nun dem Wahn verfallen war, immer
noch die Lizenz zu Töten zu besitzen! Was wäre wenn er, James Bond, selbst
einmal den Blick für die Realität verlieren würde? Schmerzlich kam ihn sein
Rachefeldzug gegen Sanchez in den Sinn, der seinen besten Freund Leiter
verstümmelt und dessen Ehefrau Della ermordet hatte. Ihm wurde die Lizenz
entzogen, doch dennoch hatte er sich mit unerbittlicher Härte und so wie sonst
auch immer, als hätte er die Lizenz noch, an Sanchez’ Fersen geheftet.


Wütend schlug er mit der geballten Faust gegen den Stamm
eines Baumes, der wohl dafür angepflanzt worden war, um das Netz über den
Mohnfeldern mitzuhalten, als sein Blick auf ein kleines, tickendes Kästchen fiel,
das hinter dem Baum in einem Strauch versteckt war. Eine Zündladung! Und der
Zähler zeigte gerade mal 35 Sekunden an! Ein Rascheln ließ Bond auffahren. In
etwa 10 Metern Entfernung platzierte gerade ein grobschlächtiger Kubaner eine
weitere Sprengladung. Der Kubaner sah auf, die Blicke der Männer begegneten
sich für den Bruchteil einer Sekunde und wie von der Tarantel gestochen sprang
der Kubaner auf und hechtete zu dem Ring aus Kaffeesträuchern, Bond dicht
hinter ihm her. Kaum hatte der Kubaner das Netz erreicht, war Bond auch schon
bei ihm und versetzte ihm einen präzisen Faustschlag auf das Kinn. Der Mann
ging zu Boden, rappelte sich aber sofort auf und sprang auf Bond. Die beiden
rangelnden Männer verhedderten sich immer mehr in dem Netz! Zwei weitere gut
gezielte Haken von Bond ließen den Kubaner zurücktaumeln und im Netz hängen
bleiben. Ein Seil schlang sich um sich seine Kehle und drückte ihm die Luft ab.
Bond, aus dessen Mundwinkel etwas Blut tropfte, packte den Kubaner am Kragen
und drückte ihn an den Baum, hinter ihm. Das Seil löste sich wieder etwas.
„Helfen sie mir, Senor“, röchelte der Mann.





„Wer ist ihr Auftraggeber?“ kam es hart von Bond. „Los!
Reden sie!“





„Martinez! Martinez!“ brachte der Kubaner mühsam hervor.





„Danke.“ Bond verpasste dem Bombenleger zum Abschied noch
einen Kinnhaken, befreite seinen Arm von dem Netz und kämpfte sich auf den
Trampelpfad. Zu spät bemerkte er die Fessel an seinem rechten Fuß. Er
strauchelte und fiel vornüber auf den erdigen Boden. Vergeblich strampelte er
mit seinem Bein um das Netz los zu werden. Es musste ihm einfach gelingen! Mehrere
ohrenbetäubende Explosionen ertönten just in dem Moment, in dem Bond sich
abrollen konnte. Doch so schnell er auch war eine Feuerzunge erwischte ihn noch
und setzte den Rücken seines Hemdes in Flammen. Wankend kämpfte Bond sich von
den brennenden Mohnfeldern weg durch die Kaffeesträucher auf den Feldweg, wo er
sich sofort hinwarf und hin und her rollte um das Feuer auf seinem Rücken zu
ersticken.


Atem- und kraftlos blieb er schließlich auf dem Rücken, Arme
und Beine von sich gestreckt, liegen und atmete langsam und tief durch. Er nahm
alles nur noch wie durch Watte wahr. „Eine Fensterscheibe, einmal Autolack und
ein neues Hemd“, war das letzte, was er dachte bevor er in eine Art
Dämmerschlaf fiel.





Bond wusste nicht, wie lange er auf dem Feldweg gelegen
hatte bis mit den geschäftig durcheinander redeten Feldarbeitern wieder etwas
Leben in sein Bewusstsein kam. Mühsam richtete er sich auf. „Nein, nein danke.
Mir geht es gut. Nein, ich brauche keinen Arzt, nein. Ich bin der englische
Detektiv, ja. Nein, danke.“





Es dauerte noch eine ganze Weile bis sein Kopf wieder
vollständig klar war und er sich aus der Traube der kubanischen Pflücker gelöst
hatte. Doch schließlich ging er wieder aufrecht über den Weg zurück zu seinem
Jaguar. Martinez also! Doch was könnte der Grund für sein Handeln sein? Nun,
das würde er, James Bond, schon herausfinden. Laut Karte war Martinez’ Haus
nicht weit weg. „Martinez, ich komme“, murmelte Bond grimmig als er den
Schlüssel ins Zündschloss steckte und den Wagen startete.





9 – Natürliche
Auslese






Nach einer zehnminütigen Fahrt erreichte James Bond das Haus
des Kaffeeplantagenbesitzers Leon Martinez. Es war ein dunkler, klobiger
Steinbau, der ganz im Gegensatz zu den hellen und freundlichen Villen von Perez
und Sir Henry stand. Einige massive graue Säulen vor der Front des Hauses gaben
einen kleinen Anschein von Luxus. Die Dunkelheit wurde von den hohen Bäumen
ringsherum – das Haus lag in einem Wald – nur noch verstärkt.


Langsam stieg Bond aus seinem Jaguar und schloss ihn ab. Ihm
war unbehaglich zu Mute. Die Zeit, die er am Rande der Ohnmacht, auf dem
Feldweg liegend verloren hatte war kostbare Zeit gewesen, die seine Gegner
sicher für sich genutzt hatten. Er griff zu seiner Walther und schlich langsam
zum Hauptportal. Vorsichtig griff er an die Klinke der schweren Holztür. Zu
seiner großen Verwunderung war nicht abgeschlossen. Behände schlüpfte er in das
Gebäude. Der Flur war dunkel. Anscheinend waren alle Vorhänge zugezogen. Ein
dicker Teppich schluckte jedes Geräusch. Es dauerte eine Weile bis sich Bonds
Augen an die Schwärze gewöhnt hatten, doch schon bald erkannte er die Schemen einer
Kommode und der Garderobe und nahm von der rechten Seite aus einen kleinen
Lichtschimmer war. Er musste durch eine offene Tür scheinen. Bonds ganzer
Körper, jeder einzelne Muskel war angespannt. Langsam bewegte er sich in
Richtung dieser Tür, trat sie mit einem kräftigen Fußtritt auf und machte einen
schnellen Schritt in den ebenfalls abgedunkelten Raum hinein, die erhobene
Waffe erst nach links, dann nach rechts gedreht bis er die dunkle Gestalt
hinter dem Schreibtisch ins Visier nahm. Martinez’ Stimme erklang. „Sie kommen
später als ich dachte, Senor…“, Martinez stockte kurz. „Bond.“





„Keine Bewegung, Martinez!“ Bond hielt seine Waffe weiterhin
auf Martinez’ Schatten hinter dem Schreibtisch gerichtet.





„Keine Sorge, Senor Bond. Ich bleibe ganz ruhig und das
würde ich ihnen auch raten. Sie wissen also mittlerweile, dass ich die Schergen
gedungen habe um die Felder in Rauch aufgehen zu lassen. Wie bedauerlich.“
Martinez blieb ganz ruhig, beinahe beängstigend ruhig.





„Sie sagen es. Der Anschlag auf ihre eigene Plantage kam
leider etwas zu spät!“





„Künstlerpech“, seufzte Martinez.





„Und nun reden sie! Warum das alles? Sprechen sie oder meine
Waffe wird sprechen!“ Martinez’ stoische Ruhe machte Bond langsam nervös.
Instinktiv versetzte er seinen Körper wieder in Anspannung.





„Aber, Senor Bond. Wie ich sie kenne haben sie doch sicher
schon eine eigene Theorie über die ganze Sache. Also, was sagt ihnen ihre
langjährige Geheimdiensterfahrung?“





„Dass sie ein ganz mieser Schuft sind, Martinez“, entgegnete
Bond harsch.





„Oh, oh. Höre ich da etwa Sympathie für den augenscheinlich
vertrottelten Sir Henry heraus?“ Martinez lachte hämisch. „Ich sagte ihnen
schon einmal, dass ich ihnen Sachen über Sir Henry erzählen könnte, da würden
sie Augen machen!“





„Das ist sicher nichts gegen das, was ich über sie schon
weiß, Martinez! Sie sind Mitglied des, wie ich annehme, größten kubanischen
Drogenkartells und benutzen in schamlosester Weise die Vergewaltigung von Sir
Henrys Tochter durch Perez um sich in diesem Geschäft selbstständig zu machen
und den Verdacht auf Sir Henry fallen zu lassen. Pfui! Mit dem Zerstören der
Mohnfelder ihrer Geschäftspartner mögen sie vielleicht der Welt noch einen
guten Dienst erwiesen haben, aber ihre eigenen Felder haben sie nur gesprengt,
weil sie gemerkt haben, dass ich ihnen misstraue! Sicher haben sie irgendwo im
Geheimen noch viele weitere versteckte Mohnfelder!“





„Dann, fürchte ich, werden sie doch unwissend sterben
müssen, Senor Bond!“ Blitzschnell drehte sich Bond nach rechts und gab einen
Schuss ins Dunkle ab. Ein Stöhnen, das Krachen eines Mikrofons auf den harten
Steinboden, das hohe Klirren des zersplitternden Glasmonokels und schließlich
der dumpfe Aufprall eines schweren Körpers zeugten von Bonds Treffsicherheit.


Bond atmete tief aus, ging zum Fenster und zog die Vorhänge
zurück. Das Licht, das jetzt ungehindert in das Zimmer schien, fiel auf den
Schreibtisch mit der Puppe, einer wirklich beeindruckenden Kopie von Martinez,
die im Dunkeln wirklich nicht von ihm zu unterscheiden war, und seinem toten
Körper in der Ecke. Sein Gesicht war vor Überraschung verzerrt. Gerade noch
rechtzeitig hatten Bonds geschärfte Sinne das leise Klicken vernommen, als
Martinez seinen Revolver entsicherte, der nun unbenutzt bei der Leiche auf dem
Boden lag. Erst jetzt fand Bond die Zeit um über Martinez’ Worte nachzudenken.
Unwissend sterben… Sachen über Sir Henry erzählen… Irgendetwas war da, was Bond
noch nicht wusste. Doch er würde es herausfinden! Er musste es einfach
herausfinden! Nicht für den Auftrag, nicht für M. Nein, noch nicht einmal für
Sir Henry oder ihre Majestät, der Königin. Ganz allein für sich. Er wollte
diese Geschichte so schnell wie möglich geklärt haben, wieder ruhig schlafen
können.


Bond ließ seinen Blick durch den Raum schweifen. Gitterstäbe
waren vor den Fenstern und die Tür war sehr stabil und hatte ein komplexes Schloss.
Der Raum war nur spärlich mit einem Schreibtisch und einigen Aktenschränken
eingerichtet und weder einen Teppich auf dem Boden noch Bilder an den Wänden.
Ein Safe war auch nicht auszumachen. Bond trat zu Martinez’ Leiche, beugte sich
zu ihr herab und durchsuchte dessen Weste. Er förderte einen kleinen
Schlüsselbund zu Tage und öffnete damit einen der mit Staub bedeckten
Aktenschränke. Er griff sich einige Akten und ging sie rasch durch. Leise pfiff
er. Er hatte Beweise gefunden, die Martinez eindeutig als ehemaligen
KGB-Agenten entlarvten! Doch wie passte das zusammen? Nachdenklich legte er die
Akten wieder weg und ging noch die anderen Schränke durch, was jedoch keine
neuen Erkenntnisse brachte. Bond verließ das Zimmer um den Rest des Hauses zu
durchsuchen, doch auch das brachte kein Ergebnis. Als er das Haus durch die
Haustür wieder verlassen wollte, stockte er. Wie war das als er dieses Haus
betreten hatte? Es war eindeutig eine Falle aufgebaut worden. Doch war sie
wirklich für ihn gewesen? Diese kurze Pause, die Martinez gemacht hatte,
nachdem er ‚Senor’ gesagt hatte sprach eindeutig dagegen. Wen wollte Martinez
also loswerden, wenn nicht ihn, Bond?





Ein metallenes Geräusch ließ James Bond auffahren. Er
blickte zur Ecke des Hauses und nahm eine mittelgroße, schlanke, männliche
Gestalt wahr. „Stehen bleiben!“ Rasch hastete er mit gezogener Waffe um die
Ecke und sah sich aufmerksam um, doch nichts war mehr zu sehen oder zu hören.
Hatte er sich etwa geirrt? Doch halt! Vor seinen Füßen lag etwas. Bond bückte
sich und hob eine kleine Sprühflasche auf, Pfefferspray. „Na, sieh mal einer
an. Der nette Herr von letzter Nacht scheint ja auch ziemlich weit
herumzukommen“, bemerkte er zu seinem Fund.





Wieder im gemütlichen Fahrersitz seines Jaguars angekommen, zückte
Bond sein Handy um wieder Raoul anzurufen. Er war der einzige Verbündete, auf
den er wirklich zählen konnte in diesem wirren Gespinst aus Verbrechen,
Verdächtigungen und Mordversuchen. Raoul meldete sich auch jetzt nach dem
zweiten Klingeln. „Ja?“





„Bond hier.“





„Mr. Bond! Bin ich froh, dass sie noch leben“, echte
Erleichterung erklang in Raouls Stimme. „Mich erreichte die Nachricht von dem
Anschlag auf Martinez’ Plantage und befürchtete schon, es hätte sie erwischt.“





„Das hätte es auch tatsächlich beinahe“, gab Bond zu. „Ich
war schon ganz Feuer und Flamme für meine Martinez-Theorie. Ich erwischte den
Bombenleger und eine Feuerzunge erwischte mich noch, aber es geht mir gut.“





„Bene. Was haben sie herausgefunden?“





„Der Bombenleger wurde von Martinez angeheuert, als ich
diesen in seinem Haus aufsuchte ging ich in eine Falle, die aber nicht für mich
aufgebaut worden war. Na ja, jedenfalls konnte ich Martinez noch rechtzeitig
erledigen bevor er mich erschossen hätte. Die Durchsuchung seines Hauses ergab,
dass er wirklich ein Ex-KGB-Agent war. Seine Täuschung muss perfekt gewesen
sein.“





„Was sie nicht sagen.“ Raoul war wirklich überrascht. „Aber
für wen könnte die Falle aufgebaut gewesen sein, wenn nicht für sie?“





„Warten sie ab, Raoul, es kommt noch besser. Martinez hat
auf den vernichteten Feldern Mohn angebaut und ich nehme an, das dies auch bei
den anderen Pflanzern der Fall ist.“ Raoul war sprachlos. „Was die Frage
angeht, wen Martinez erwartet hat, so könnte es Sir Henry gewesen sein oder
jemand anderes aus der Vereinigung, der Martinez auf die Schliche gekommen ist.
Ich hege nämlich die Vermutung, dass Martinez die Anschläge initiiert hat um
seine Geschäftspartner loszuwerden und allein den großen Reibach zu machen.“





„Meinen sie wirklich?“ fragte Raoul, dem etwas in Bonds
Tonfall seltsam vorgekommen war, vorsichtig nach.





„Nein, ehrlich gesagt nicht“, erwiderte Bond etwas müde.
„Ich trug auch Martinez diese Theorie vor und er war so befriedigt über meine
Unkenntnis, das dies einfach nicht sein kann, auch wenn die Tatsachen für diese
Theorie sprechen.“ Bond seufzte. „Allerdings habe ich auch einen konkreten
Verdacht, wen er erwartet haben könnte. Ich sah einen Mann verschwinden und
fand eine Dose Pfefferspray.“ Bond erzählte von seiner Nachtwanderung am
letzten Tag und Raoul hörte aufmerksam zu. „Und da der Chevalier pleite ist,
könnte er durchaus versucht haben, Martinez wegen seiner Machenschaften zu
erpressen“, schloss Bond.





„Sie sind wirklich sicher, dass der Chevalier der Mann mit
dem Pfefferspray ist?“
"Wer ist schon Bond im Vergleich zu Kronsteen?!"

Kronsteen

James Bond Club Deutschland - SPECTRE Nr. 005

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10

Samstag, 25. Mai 2013, 22:16

„Nun, ich habe den Mann nicht erkannt, weder diese Nacht
noch eben. Aber es scheint plausibel.“





„Das tut es allerdings“, meinte Raoul langsam. „Also müssen
wir jetzt nur noch die Erpressung des Chevaliers nachweisen und die Pflanzer
wegen Drogenhandels dran bekommen und der Fall ist geklärt?“





„Ich hoffe es“, meinte Bond und atmete tief aus. „Am Besten
treffen wir uns erst einmal bei Westham. Es wäre mir lieb, wenn sie auch vor
Ort wären, Raoul.“





„Ehrensache“, bekräftigte Raoul und legte auf.





Eine halbe Stunde später bog Bond von der Landstraße ab und
fuhr die Auffahrt hinab zu Westhams Haus. Er parkte seinen Wagen und stieg aus.
Raoul war schon da. Er saß auf einer Holzbank vor dem Haus und rauchte eine
seiner Zigarren. Bond trat zu ihm. „Ich hoffe, sie warten noch nicht lange.“





„Nein, ich bin auch erst wenige Minuten hier“, gab der
vollbärtige Kubaner Auskunft. „Aber es scheint niemand hier zu sein. Keiner
macht die Tür auf. Nicht einmal das Dienstbotenehepaar. Sehr merkwürdig.“





Bond strich sich nachdenklich über das Kinn, als der blaue
Lotus Elise von Havanna auf den Hof fuhr. Sie saß am Steuer und der Chevalier
saß neben ihr. „Zwei der Herrschaften hätten wir dann schon einmal wieder“,
bemerkte Bond und wartete, bis die beiden ausgestiegen waren.





„Mr. Bond, Senor Raoul“, nickte Havanna den beiden Männern
höflich zu. „Was machen sie hier draußen? Warten sie auf uns?“





Bond hob die Augenbrauen. „Wir warten auf jeden, der uns
einlässt, Miss Westham.“





Havanna runzelte die Stirn. „Das ist aber merkwürdig. Unsere
Dienstboten sind zwar auf dem Lande wegen einer kranken Verwandten, aber Vater
müsste doch zuhause sein. Hoffentlich ist ihm nichts zugestoßen!“ Eilig griff
sie nach ihrem Hausschlüssel und eilte zur Tür. Bond, Raoul und de Stroy
folgten ihr. „Vater? Vater!“ rief sie vom Flur aus. „Er ist bestimmt zu Hause.
Er wollte sich doch hinlegen.“ Flehend blickte sie zu dem Geheimagenten.
„Helfen sie mir, das Haus zu durchsuchen, Mr. Bond?“





Bond nickte und die vier teilten sich auf. Raoul und der Chevalier
durchsuchten das Erdgeschoss und Havanna und Bond gingen ins Obergeschoss. Sir
Henrys Schlafzimmer war leer, obwohl das Bett benutzt worden war. Er musste
sich tatsächlich hingelegt haben. Bond ging in den nächsten Raum. Es war ein
recht hübsch möbliertes Zimmer mit einem Doppelbett. Auch wenn Bond sonst eher
nur eine Nase für Damenparfüms hatte erkannte er doch den Geruch, der ganz
leicht in der Luft lag. Es war das Rasierwasser von Diego, Perez’ Verwalter.
Hier war also das Liebesnest, in dem er letzte Nacht mit… Havanna… Bond kniff
die Augen zu und ballte die Fäuste. Er konnte oder wollte immer noch nicht an
die Theorie mit Havanna als femme fatal glauben. Sein Blick schweifte weiter
durch den Raum und blieb an einem Paket mit Zigarillos hängen. Ein lauter Ruf
Raouls riss ihn jedoch aus seinen Beobachtungen. Zeitgleich mit Havanna
erreichte er die Treppe und zusammen eilten sie nach unten, wo sich ihnen vor
dem Speisezimmer auch der Chevalier anschloss. Raouls Stimme kam aus dem Teil
des Hauses, in dem die Umbauarbeiten waren. „Ich habe ihn gefunden! Es ist
fürchterlich!“





Bond lief voraus, Havanna und de Stroy dicht hinter ihm. Er
erreichte den Flur, der nach Baumaterialien stank und auch dementsprechend
schmutzig aussah. An einem Stützpfeiler vorbei zwängte er sich durch einen
Mauerdurchbruch zu Raoul. Es war das Zimmer, in dem sich Perez an Havanna
vergangen hatte. Die Mauer, die zur Terrasse führte war schon komplett
eingerissen und mit einem Gerüst und Stützpfeilern versehen worden. Mauersteine
und Zementsäcke lehnten an den noch bestehenden Wänden. Der Anblick, der sich
jedoch Bond bot war ungleich furchtbarer und ließ ihm wirklich den Atem
stocken. Blut hatte sich mit dem Staub und dem Mörtel auf dem Boden vermischt
und mitten im Raum lag mit zerschmettertem Schädel ein kubanischer Schläger. An
der Wand lehnte mit glasigen Augen, einer blutverschmierten Schaufel in der
Hand und einem Dolch im Herzen Sir Henry Westham!





10 – Der Fallstrick





James Bond war zwar fassungslos von dem Anblick des toten
Sir Henry Westham, aber geistesgegenwärtig genug, um sich umzudrehen und auf
die Reaktion von Havanna und de Stroy zu achten. Havanna schien betroffen zu
sein, doch noch ebenso unnahbar wie früher. Wie eine richtige englische Lady
versuchte sie anscheinend ihre Gefühle nicht zu zeigen und so gefasst wie
möglich zu wirken. Der Chevalier dagegen versuchte nicht nur gefasst zu wirken,
er war es auch. Es schien als ließe ihn der Anblick völlig kalt. Ja, de Stroy
erinnerte Bond sogar an Martinez und dessen Reaktion oder besser
Reaktionslosigkeit bei Perez Herzanfall am Morgen. Ein verfluchter Tag war das.
Perez ans Bett gefesselt, Martinez und Westham tot! Wie würde das noch weiter
gehen? Aber wie sollte man dem ein Ende machen? Wie konnte man dem ein Ende machen?
Bond seufzte und sein Blick fiel wie in Trance wieder zu dem toten Sir Henry.
Der Chevalier legte einen Arm um Havanna und führte sie hinaus. Raoul folgte
Bonds Blick auf den Leichnam des ehemals besten Agenten ihrer Majestät. „Er hat
noch tapfer gekämpft und einen der Angreifer erledigt“, bemerkte er.





„Ja, das hat er“, wiederholte Bond leise. „Ein
hinterhältiger Tod. Es ist ein Wurfmesser. Er war vollkommen schutzlos.“ Er
deutete auf die fehlende Mauer. „Es muss ein sehr guter Schütze gewesen sein.“





Raoul nickte. „Es tut mir Leid für sie, Mr. Bond.“





„Danke. Es wird mir ein weiterer Ansporn sein, die Fäden, in
die der unglückliche Sir Henry verstrickt, war zu entwirren.“





Raoul nickte und klopfte schweigend und freundschaftlich auf
Bonds Rücken. Bond atmete noch einmal tief durch und verließ dann mit Raoul das
Zimmer. Raoul wollte gerade wieder etwas sagen, als Bonds erhobener Zeigefinger
zu dessen Mund ging. „Psst!“





Raoul hielt inne und horchte. Im Nebenzimmer schienen sich
Havanna und de Stroy zu unterhalten. Leise pressten sich Bond und Raoul an die
Wände neben der Zimmertür und lauschten. Deutlich vernahmen sie die Stimme des
Chevaliers. „Wir müssen jetzt handeln, Havanna! Entweder wir oder er. Bis jetzt
hatten wir Pech.“





„Aber…“, kam Havannas unschlüssige Antwort. „Ja, ja du hast
wohl Recht, Damien. Er hat uns den Kampf angesagt und wir müssen uns wehren.
Vor allem jetzt… wo Vater tot ist. Aber was können wir tun?“





„Es hat nicht geklappt an ihn persönlich heranzukommen, nun
müssen wir an sein Geld!“ De Stroys Augen funkelten auf bei der Erwähnung von
Geld.





„Aber wie?“





„Na, überleg doch mal. Wir lassen unsere Beziehungen
spielen. Schwarzenberg. Ruf ihn an! Sofort! Wir müssen schnell handeln!“





Ein Luftzug ließ die Tür zufallen, rasch entfernten sich
Bond und Raoul aus dem Flur und verließen das Haus. Raoul setzte sich wieder
auf die Bank und paffte einige dunkle Wölkchen in die Luft. „Was nun?“





„Gute Frage. Der Name Schwarzenberg sagt ihnen nichts?“
Raoul schüttelte den Kopf. „Klingt nach einem deutschen Namen. Bringt uns nicht
weiter. Rekapitulieren wir noch einmal was wir wissen. Fangen wir bei Sir Henry
an. Ihm wird die Bezahlung der Bombenleger angehängt, wir wissen aber
mittlerweile, dass zumindest der letzte Attentäter auf Geheiß von Martinez
gehandelt hat. Sir Henry fühlte sich von Perez bedroht, wollte ihn töten und
liegt nun selber tot in seinem Haus. Perez ist offenkundig der Geschädigte,
vergewaltigte Westhams Tochter, hatte einen Herzanfall und hat scheinbar ein
Drogenkartell ins Leben gerufen.“





„Wieso scheinbar?“, unterbrach ihn Raoul.





„Dass der letzte Attentäter Martinez als Auftraggeber
nannte, beweist nicht, dass er auch die anderen Plantagen angegriffen hat. Er
selbst sprach auch nur von ‚den Feldern’ ohne präzise zu werden. Zudem können
wir nicht eindeutig sagen ob auf den zerstörten Feldern der anderen wirklich
Mohn angebaut wurde. Es wäre durchaus möglich, dass Martinez seine Felder
sprengen ließ, damit ich nicht hinter seinen Drogenhandel komme und die anderen
wirklich von jemand anderem attackiert wurden und nichts von dem Mohn wussten.“





„Ich bitte sie, Mr. Bond“, verzog Raoul das Gesicht, während
er auf seiner Zigarre herumkaute. „Perez und die anderen Pflanzer sind doch
nicht blöd.“





„Das nicht, aber vergessen sie nicht, dass Martinez ein
verdammt gewitzter Hund war. Denken sie daran, dass er jahrelang KGB-Agent war
ohne dass irgendjemand darauf gestoßen ist und an die geschickt aufgebaute
Falle. Ich könnte jetzt verdammt leicht selbst tot auf dem Steinboden von
Martinez’ Haus liegen. Und vielleicht hat Perez ja auch Verdacht gegen Martinez
geschöpft und ist deshalb jetzt ans Bett gefesselt.“





„Verdammt, sie könnten Recht haben“, nickte Raoul und
grinste dann. „Dann könnte ich mit meiner Theorie, dass Havanna hinter den Anschlägen
steckt um sich wegen der Vergewaltigung zu rächen und zu erben, doch noch Recht
haben. Die eben von Havanna erwähnte Kampfansage könnte dann gut diese
Vergewaltigung sein.“





Bond nickte langsam und strich etwas Staub von seiner Hose.
„Mit der Vergewaltigung haben sie wahrscheinlich Recht. Bei der Geldfrage sehe
ich eher den Chevalier als treibende Kraft.“





„Bleibt noch die Frage wie jetzt Westhams Tod in die Sache
hereinpasst“, ergänzte Raoul.





Bond überlegte und blickte in den Himmel, wo ein paar weiße
Schönwetterwolken langsam und sanft vorbeizogen. „Nun, eigentlich gibt es da
zwei Möglichkeiten. Perez oder jemand anderes aus der Vereinigung glaubt, dass
Sir Henry hinter den Anschlägen steckt – was nicht verwunderlich ist, nachdem
er sogar bewaffnet bei Perez herumgeschlichen ist – und will ihn deshalb
loswerden. Die andere Möglichkeit wäre der geldgierige Chevalier, der erben
will.“





Raoul ließ sich alles noch einmal durch den Kopf gehen und
klopfte Asche von seiner Zigarre. „Diese ganze Theorie setzt aber dann voraus,
dass der Herzanfall von Perez keine natürliche Ursache hatte.“ Er blickte zu
Bond auf.





Bond zuckte mit den Schultern. „Nicht zwangsläufig. Aber ich
denke wir sollten Perez trotzdem jetzt einmal einen Besuch abstatten. Zudem
muss ich dringend duschen und mich umziehen und mein Koffer ist noch in Perez’
Haus.“ Raoul nickte und stand auf.





Juanita Perez stand hinter dem Fenster eines kleinen Salons,
aus dem man die Einfahrt und den Hof überblicken konnte und starrte wie gebannt
nach draußen. Als sie den geschundenen Jaguar des britischen Agenten kommen
sah, lief sie sofort hinaus und ihm entgegen. Bond war kaum ausgestiegen als
Juanita ihn erreichte. „James! Endlich bist du wieder da!“ Ihr Blick fiel auf
das verbrannte Hemd und Bonds rußige Haut. „Bei Gott, was ist dir denn
passiert?“





„Ich habe ein wenig zu sehr mit dem Feuer gespielt. Aber was
ist los, Juanita?“





Raoul stieg aus, hielt sich aber im Hintergrund während
Juanita antwortete. „Die Ergebnisse der Blutuntersuchung sind schon da, James.
Mein Vater wurde vergiftet oder so etwas in der Art. Jemand hat ihm ein
Medikament untergeschoben, das entgegengesetzt seiner Herzschwäche wirkt. Etwas
was zwar anderen mit einer anderen Art von Herzbeschwerden helfen würde, aber
bei ihm tödlich wirkt. Zum Glück war der Arzt so schnell da. Er hat genau das Richtige
getan und ihm das Leben gerettet.“





Bond und Raoul tauschten einen kurzen betroffenen Blick und
Bond wandte sich sofort wieder an Juanita. „Diese Erkenntnis hilft uns
ungemein. Lass uns hineingehen an einen ruhigen Ort, wir müssen etwas mit dir
besprechen.“





Juanita schaute ihn kurz fragend an, nickte dann aber und
führte beide in den kleinen Salon, in dem sonst nur noch Cruz saß. „Nur mit
dir“, bat Bond Juanita, die daraufhin Cruz hinausschickte und ihm noch einen
Kuss auf die Wange gab. Es stimmte ja. Juanita und Cruz waren verlobt! Dann war
er, Bond, wohl nur ein kleines Abenteuer für sie gewesen. Er taxierte Cruz.
Wusste er davon oder ahnte er etwas? Cruz warf Bond einen missmutigen Blick zu
und verließ den Salon. Juanita, Bond und Raoul setzten sich in die Sessel und
Bond begann. „Zuerst einmal musst du wissen, dass Martinez tot ist.“





Juanita sah ihn entgeistert an. „Das ist doch nicht möglich!
Heute Mittag war er doch noch hier bei uns…“





„Trotzdem ist es wahr. Und jetzt habe ich einige Fragen. Ist
dir an Martinez irgendetwas Besonderes aufgefallen?“





Juanita sah Bond genau an. „Warum?“





„Bitte antworte mir zuerst, Juanita“, entgegnete Bond
unnachgiebig.





Juanita zögerte und überlegte, Bond weiter im Blick
behaltend. „Nun… Also, da ist schon etwas. Er hatte sich zwar der
Pflanzervereinigung angeschlossen, blieb aber alleiniger Herr über seinen Grund
und Boden. Er legte uns immer nur Berichte vor und hielt uns von seinem Grund
und Boden fern. Allerdings waren seine Abrechnungen immer tadellos und wir
hatten keinen Grund ihm zu misstrauen. Es gibt halt solche Menschen, die das
Heft ungern aus der Hand legen.“





„Wir haben herausgefunden, warum Martinez alles vor euch
verschlossen hat.“





Juanita warf den Kopf zurück. Ihr Haar fiel verführerisch
nach hinten. „Ach, warum denn?“





„Martinez war ein ehemaliger KGB-Agent, nun Drogenhändler
und hat auf versteckten Feldern Mohn angebaut.“





„Was du nicht sagst!“ Juanita schaute Bond mit großen Augen und
beinahe herausfordernd an. „Dann ist es ja wohl gut, dass er jetzt tot ist.
Aber was soll das mit den Anschlägen zu tun haben?“





„Nichts“, antwortete Raoul und Juanita schaute zu ihm. „Aber
es könnte etwas anderes erklären. Halten sie es für möglich, dass ihr Vater
hinter Martinez’ Machenschaften gekommen ist und dass Martinez hinter dem
Anschlag von heute Morgen stecken könnte?“





Juanita schüttelte den Kopf und war sehr ernst. „Nein. Wenn
mein Vater irgendetwas über Martinez herausgefunden hätte, wüsste ich das auch.
Ich versichere ihnen beiden, dass Leon Martinez keinen Grund gehabt hätte
meinen Vater zu beseitigen.“





„Also doch der Westham-Clan“, brummte Raoul. Bond dagegen
lehnte sich nachdenklich zurück. Er war sich noch nicht sicher, was er von Juanitas
Antworten und Verhalten halten sollte. Juanita wollte den Herren gerade etwas
zu trinken anbieten, als es an der Tür klopfte. „Ja?“





Der junge Diener trat herein. „Telefon, Senorita. Ein Senor
Schwarzenberg.“





Juanita stand auf und Bond schnellte wieder nach vorne.
„Schwarzenberg? Wer ist das?“





Juanita blickte von der Türschwelle aus zurück. „Unser
Schweizer Bankier.“ Dann drehte sie sich wieder um und verließ gefolgt von dem
Diener das Zimmer. Raoul wandte sich Bond zu. „So langsam nimmt die Geschichte
Formen an.“





Bond nickte langsam. „Ja, ich bin gespannt was Juanita uns
nach dem Gespräch zu berichten hat.“ Gemeinsam warteten sie in stiller
Eintracht, nur einmal kurz von Bond unterbrochen. „Ehe ich es ganz vergesse,
Raoul. Könnten sie mir Informationen über einen Coronel Adoro besorgen? Es mag
sein, dass es nicht mehr wichtig ist, aber ich würde mich doch besser fühlen,
wenn wir das überprüften.“
"Wer ist schon Bond im Vergleich zu Kronsteen?!"

Kronsteen

James Bond Club Deutschland - SPECTRE Nr. 005

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11

Samstag, 25. Mai 2013, 22:17

„In Ordnung“, nickte Raoul. Sie brauchten nicht mehr lange
warten bis Juanita wiederkam. Energisch wandte sie sich an Bond. „Jetzt handeln
sie endlich, Senores! Wissen sie was Schwarzenberg mir eben berichtet hat?
Havanna Westham, die eine alte Schulfreundin von ihm ist wollte ihn mit einer
alten Unterschlagung und um der alten Zeiten willen erpressen, das Konto der
Vereinigung zu sperren und das Geld auf ein Konto der Westhams zu transferieren.
Ich habe ihm versprochen, das zu regeln. Nun unternehmen sie etwas gegen diese
verbrecherische Familie! Es steht doch jetzt sicher außer Frage, dass Havanna
meinen Vater umbringen wollte, weil er sie unter Alkoholeinfluss angefasst hat!“





Raoul sprang aus dem Sessel auf. „Hoffentlich erwischen wir
sie noch.“





Bond erhob sich langsamer. „Ich lasse dich nur ungern
alleine hier zurück, Juanita. Es ist gut möglich, dass ihre Rache und seine
Geldgier Havanna und de Stroy hierher treiben.“





„Hab um mich keine Angst, James“, meinte Juanita mit einer
natürlichen Lockerheit. „Miguel ist ja auch noch da.“





Damit gab James Bond sich schließlich zufrieden und fuhr mit
Raoul zu dem Hause Westhams. Dort verabschiedete er sich von ihm. „Nein, danke,
Raoul. Sie können mir hier nicht helfen. Sorgen sie dafür dass alle möglichen
Fluchtwege überwacht werden, Häfen und Flughäfen und vergessen sie Coronel
Adoro nicht.“





Raoul verzog zwar etwas besorgt das Gesicht, nickte aber
dennoch. „Viel Glück, Mr. Bond!“





11 – Die Fäden
entwirren sich






Nachdem Raoul gefahren war betrat James Bond das Haus der
Westhams, das nicht abgeschlossen war und fand Havanna schließlich schweigsam
im Salon an der geöffneten Terrassentür stehen. Sie blickte sich nicht um als
er eintrat. „Du weißt es also jetzt“, sagte sie tonlos.





„Ja. Du standest gestern Abend hinter der Palme als ich mit
Juanita tauchen war.“





„Bahia de Santa Clara am Sabana-Archipel mit den vielen Korallenriffen,
seit 1997 ein PSSA, ein besonders schützenwertes Meeresgebiet, wie auch das
Great Barrier Reef“, gab sie mit der Geschäftsmäßigkeit einer Fremdenführerin und
der Monotonie einer Computeransage Auskunft.





Bond trat zu ihr. „Schau mich an, Havanna.“ Zögerlich wandte
sie ihm ihr müdes, ausgezehrtes Gesicht zu. „Warum das alles, Havanna? Warum?“





Havanna vergrub schluchzend ihr Gesicht in Bonds Schultern.
„Ich kann es dir nicht sagen, James. Ich kann es nicht…“ Zärtlich schlang der
Agent einen Arm um Havanna und streichelte über ihren Rücken.





„Aber ich kann es ihnen sagen“, tönte plötzlich eine
männliche Stimme hinter Bond. Bond wendete sich langsam um und sah den
Chevalier mit einer erhobenen und entsicherten kleinen Pistole. Langsam trat de
Stroy in den Raum. Erschreckt und gleichzeitig irgendwie schlafwandlerisch
trennte sich Havanna von Bond. „Lassen sie ihre Waffe fallen und schieben sie
sie mit ihrem Fuß zu mir herüber“, befahl der Chevalier. Bond lotete seine
Chancen ab, kam zu dem Entschluss, dass er keine hatte und leistete den
Befehlen de Stroys Folge. Er holte seine Walther aus dem Schulterhalfter und
schob sie dem Chevalier herüber. „So ist es gut Mr. Bond. Und sie glauben also
wirklich alles zu wissen? Erzählen sie doch mal, es wird sicher ganz amüsant
werden.“





„Sie Schwein! Ich hätte heute schon einmal Martinez
angespuckt. Sie würde ich zweimal bespucken!“





„Aber Mr. Bond. Warum denn diese Wut? Diese verzerrten Züge
entstellen nur ihr hübsches Gesicht.“ De Stroy lächelte Bond anzüglich an und
fuhr dann mit arrogantem und ebenso amüsiertem Tonfall fort. „Ich nehme an zu
dem Zeitpunkt hielten sie Martinez für den Schuldigen und jetzt halten sie mich
für den Schuldigen. Sie werden ihre Meinung schon bald revidieren müssen, es
ist doch sicher schön für sie zu sehen, dass sie stündlich klüger werden.“ Er
grinste. „Wissen sie, die Wahrheit ist nichts weiter als eine Illusion,
aufgebaut aus gut verkauften Lügen. Sie müssen hinter die Wahrheit schauen. Aber
lassen sie mal hören, was sie für die Wahrheit halten, alter Freund.“





Bond musste sich heftig zusammenreißen, um den Chevalier
nicht einfach anzuspringen. Havanna stand nur apathisch daneben. „Ihre
überheblichen Worte können mich auch nicht mehr täuschen, de Stroy! Es steht
außer Frage, dass sie sich Sir Henrys Geld und das Geld der Pflanzervereinigung
unter den Nagel reißen wollten um ihre Schulden loszuwerden. Mit Havanna, die
praktischerweise noch von Perez vergewaltigt worden war – ich könnte mir gut
vorstellen, dass sie da auch ihre Finger im Spiel haben – und dem Verwalter
Diego, der mit ihnen seinen homosexuellen Neigungen frönte – der Geruch seines
Rasierwassers war in dem Schlafzimmer mit ihren Zigarillos – fanden sie zwei
exzellente Verbündete, die sie schamlos ausnutzten! Havanna schob ihrem Vater
die gefälschten Rechnungen unter die Nase um die Bombenleger zu bezahlen und
Diego mischte Perez das falsche Medikament unter! Martinez dagegen ist an
seinen eigenen kriminellen Machenschaften gescheitert. Wahrscheinlich haben sie
ihn erpresst und sollten in die Falle gehen, in die ich hineingetappt bin!“





Der Chevalier nickte anerkennend. „Durchaus nicht schlecht
für einen Geheimdienstler. Sie haben Fantasie, das muss man ihnen lassen. Sie
gäben bestimmt auch einen guten Verbrecher ab.“ Bond erwiderte nichts. Mit
hartem Ausdruck blickte er de Stroy an. „Fangen wir mit dem an, was stimmt. Ja,
ich habe ein Verhältnis mit Diego. Sie ahnen gar nicht wie schwer man es als
Homosexueller auf Kuba hat. Die gesellschaftlichen Sanktionen pressen ihn in
sein ‚normales’ Leben mit Frau und Kindern. Und ich lüge nicht, wenn ich sage,
dass wir einiges füreinander empfinden. Und es stimmt, dass er ein wertvoller
Verbündeter im Hause Perez ist und auch den Mordanschlag für mich verübt hat.
Was sie nicht wissen ist, dass er ebenfalls einen Anschlag auf Juanita verübt
hat. Leider kam es nicht dazu, dass sie den vergifteten Grapefruitsaft trank.“





Bond nickte. „Das erklärt Diegos Nervosität an dem Morgen
und den Umstand, dass er so unerfreut war. Nicht weil Perez einen Anfall hatte,
sondern weil Juanita ihr Glas fallen ließ!“





„Das haben sie richtig erkannt. Es war sehr einfach und
ungefährlich Perez ein falsches Medikament unterzuschieben oder den Saft zu
vergiften. Juanita ist die Einzige im Hause, die Grapefruitsaft trinkt. Aber
machen wir weiter. Selbstverständlich ist auch Havanna meine Verbündete aber
nicht wegen der Vergewaltigung mit der ich wirklich nicht das Geringste zu tun
habe. Und es hat auch keiner von der Familie Westham mit den Anschlägen auf die
Plantagen zu tun. Es wird ihnen sicher wehtun, die volle Wahrheit zu erfahren,
aber leider kann ich sie da jetzt nicht schonen“, höhnte de Stroy hämisch,
immer noch die Pistole auf Bond gerichtet. „Die Wahrheit ist, dass Sir Henry
Westham, ehemaliger 007 im Dienste ihrer Majestät, einer der führenden
Drogenbarone Europas ist oder vielmehr war – Gott hab ihn selig. Die
Pflanzervereinigung baute an und Sir Henry verarbeitete und vertrieb den Stoff.
Eine sehr fruchtbare Partnerschaft, in die ich gerne mit eingestiegen bin, bis
Perez den Entschluss fasste, sich von uns loszusagen. Zuerst ließ er von
Schwarzenberg, den er mit sehr viel Geld bestochen hatte, die gemeinsamen
Konten sperren, dann verging er sich an Havanna um einen Schuldigen zu bekommen
für die von Martinez in Auftrag gegebenen Anschläge auf die eigenen Plantagen
um die Mohnfelder zu vernichten. Perez hortete Geld für ein eigenes großes
Projekt, das wohl kurz vor dem Abschluss steht. Perez fingierte
Handwerkerrechnungen für die Attentäter, damit es so aussieht als würde Sir
Henry sie bezahlen. Schließlich wollte er meinen Onkel auch noch von Killern
beseitigen lassen. Es hieß Perez oder mein Onkel. Wie man sieht hat Sir Henry
den Kürzeren gezogen. Der Gasanschlag auf sie und die Autos auf der Küstenstraße
waren beides Mordanschläge auf Sir Henry. Dass sie in sein Zimmer einquartiert
wurden ergab sich kurzfristig und mein Onkel saß in ihrem Wagen, was ihm damals
sicherlich das Leben gerettet hat. Etwas tumb versuchte Sir Henry dann bei
Perez einzudringen und ihn zu erschießen, meine Methode Perez loszuwerden war
da schon eleganter hat aber leider auch nicht funktioniert. Dass sie in diesen
Bandenkrieg mit hineingezogen worden sind tut mir aufrichtig leid.“ Das Grinsen
de Stroys verriet ganz eindeutig das Gegenteil.





„Lügen, Lügen! Alles Lügen!“ schrie Bond.





„Nein, Damien hat Recht… es ist die Wahrheit… die Wahrheit“,
kam es leise von Havanna.





Der Chevalier zuckte mit den Schultern. „Tja, so sieht es aus,
Bond. Es heißt zwar, man soll nicht schlecht über Tote sprechen, aber mir
bleibt leider nichts anderes übrig als dem noch etwas drauf zu setzen.“ De
Stroy fuhr wieder so arrogant wie eben fort: „Sir Henry war ein skrupelloser
Mensch, anders kann man es nicht sagen.“





„Zieh Vater nicht immer so in den Dreck, Damien!“





„Es ist nun einmal Tatsache. Das weißt du genauso gut wie
ich. Du hast von allem gewusst und seine Geschäfte gedeckt.“ So schnell wie
Leben in Havanna gekommen war, verschwand es auch wieder. Kraftlos sackte sie
in sich zusammen und kauerte sich auf den Boden. De Stroy schüttelte mit dem
Kopf. „Zurück zu Sir Henry. Seine Freundschaft mit Perez begann damit, dass
beide während der Kubakrise heimlich zwei der russischen Atomraketen beiseite
schafften. Der Grund warum er sich danach lange Jahre weigerte nach Kuba
zurückzukehren. Er hatte immer die Angst, doch noch erwischt zu werden.“ Der
Chevalier machte eine kurze Pause und räusperte sich. „Sir Henrys Ruhm fußt in
Wahrheit nur darauf, dass er immer genau wusste wann er wen bestechen,
liquidieren oder Bestechungsgeld annehmen musste, um den Fall zu einem raschen
und zufrieden stellenden Ende zu bringen. Als er sich schließlich verliebte und
heiratete gab er diese Praxis auf, was natürlich dazu führte, dass er seine
Aufträge etwas langsamer zu Ende brachte. Nach seiner Entlassung aus dem
Geheimdienst stieg er mit Perez’ Hilfe in das Drogengeschäft ein. Ursprünglich
baute nur Perez für ihn an, später wurde für diesen Zweck die Vereinigung
gegründet. All das hätten sie schon längst aufgedeckt haben können, wenn sie
nicht im Landhaus am Safe von meinem Onkel überrascht worden wären. Alle
Beweise für seine Machenschaften liegen immer noch dort drin. Tja, so kann es
gehen.“ De Stroy machte eine bedauernde Geste mit den Händen und richtete die Pistole
danach wieder genau auf Bond, der unfähig war etwas zu sagen. „Nun kennen sie
die Wahrheit und das was sie für die Wahrheit gehalten haben. Urteilen sie also
selbst wie ich meine Lügen verkauft habe.“





„Zu teuer!“ Ein Schuss ertönte und de Stroys Pistole fiel klappernd
zu Boden. Bond und der Chevalier schauten sich reflexartig nach der Stimme mit
dem deutlichen russischen Akzent um, nur Havanna blieb kauernd auf dem Boden
und starrte auf die Fliesen. Auf der Terrasse stand ein mittelgroßer Mann mit
braunem Haar, einem ebenmäßigen, hellen und jugendlichen Gesicht und blitzenden
graublauen Augen. Er hatte einen rauchenden Revolver auf den Chevalier
gerichtet. „Aprewski“, entfuhr es Bond.





„Ganz recht, Mr. Bond“, nickte der Mann dem englischen
Agenten freundlich zu und trat in den Salon. „Andrej Aprewski. Meine Schwester
Anna hat mir schon einiges von ihnen berichtet. Sie trafen sie vor kurzem in
Österreich, nicht wahr?“





„So ist es“, nickte Bond.





„Stehen sie ruhig auf und holen sie sich ihre Walther
wieder, Mr. Bond. Und verzeihen sie mir meine Attacke mit dem Pfefferspray und
dass sie beinahe in der Falle umgekommen wären, die für mich aufgestellt war.“
Bond bückte sich nach seiner Pistole und sah Andrej fragend an. „Nein, keine
Erklärungen jetzt, Mr. Bond. Dafür haben wir später noch Zeit. Jetzt will ich
erst diesem freundlichen Herren hier eine Frage stellen.“ Er nickte in Richtung
des Chevaliers, den er während der ganzen Zeit unverwandt angeschaut hatte. De
Stroy schien das alles nicht geheuer zu sein, seine Mundwinkel zuckten jedoch
weiterhin amüsiert. „Fragen sie nur, Mr. Aprewski, ich habe heute sowieso
meinen wahrheitsliebenden Tag.“





Andrej hielt ihn genau im Blick. „Was wissen sie über das
Projekt von Perez? Sind sie irgendwie daran beteiligt?“





„In keiner Weise. Ich wäre froh, wenn es Perez’ Projekt gar
nicht geben würde. Es ist sehr geschäftsschädigend“, gab der Chevalier zurück.
„Ich vermute nur, dass es mit den geklauten Atomraketen von damals
zusammenhängt.“





Bond hatte derweil seine Pistole wieder in den Halfter
gesteckt. Er war professionell genug um seinen Schock über Sir Henrys wahres
Leben zu verdrängen und sich nun ganz auf die Geschichte mit den Atomraketen zu
konzentrieren. „Ich bin sicher, der PC von Perez könnte uns weitere Auskünfte
geben. Man bräuchte nur das Passwort für den privaten Bereich.“





„Ich weiß“, nickte Andrej. „Und ich habe auch bereits das
Passwort. Es lautet ‚Rache’. Ein geschickt platziertes kleines Insekt mit dem
Namen Wanze in Perez’ Schlafzimmer flüsterte es mir als Perez es vom
Krankenbette aus seiner Tochter verriet. Ich habe die entsprechenden Dateien
sogar schon auf CD gespielt. Ich hatte nur noch keine Gelegenheit sie mir
anzusehen, was sie hier trieben war mindestens ebenso interessant“, grinste er.





„Wen interessieren denn bitteschön irgendwelche Dateien oder
Atomraketen?“ fuhr der Chevalier mit ruhiger, überlegener Stimme dazwischen.
„Perez soll für seinen Verrat bezahlen und das unterschlagene Geld wieder
herausrücken. Ich brauche es dringend um meine laufenden Kosten zu decken.“
Seine Augen funkelten böse. „Und wenn sie beide nichts unternehmen, dann werde
ich höchstpersönlich Perez und seiner Tochter den Hahn abdrehen.“ De Stroy
nutzte eine kleine Unaufmerksamkeit Andrejs, der seine Waffe etwas gesenkt
hatte, sofort um sich mit einer raschen Bewegung seine Pistole wieder zu
greifen und auf die beiden Agenten zu richten. „Verflucht sei mein
fehlgeschlagener Anschlag von heute morgen. Ich werde nicht tatenlos zusehen
wie Perez mein Drogenimperium zerstört. Und jeder, der sich mir dabei in den
Weg stellt wird sterben! Ein angenehmer Nebeneffekt vom Tod des Alten, das nun
alles mir zufällt, Havanna ist reif für die Klapsmühle“, grinste de Stroy
diabolisch und richtete sich auf, „ich sollte Perez fast dankbar sein…“ Weiter kam
er nicht. Seine Augen weiteten sich und sein Kopf fiel in den Nacken. Ein
Wurfmesser hatte sich von vorne in sein Herz gebohrt! Sein lebloser Körper fiel
zu Boden, Blut sickerte auf den Läufer. Bond und Andrej blickten gleichzeitig
durch die offene Terrassentür nach draußen. Etwas entfernt im Garten stand eine
hämisch grinsende Juanita, umringt von kubanischen Schlägern, die mit
Maschinengewehren bewaffnet waren.
"Wer ist schon Bond im Vergleich zu Kronsteen?!"

Kronsteen

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12

Samstag, 25. Mai 2013, 22:17

„Perez – Westham, 2 zu 0“, konnte Bond noch sagen, bevor die
Geschosse der Gewehre die hohen Fenster zersplitterten. Rasch griff Bond nach
Havannas Arm und sprang hinter ein Sofa. Der Russe suchte derweil Deckung
hinter einem umgestürzten Tisch. Die Einschläge der Maschinengewehre ließen
Holz absplittern und Federn aus dem Polster hervorstieben. Tapfer erwiderten
die beiden Agenten das Feuer. „Bringen sie Havanna hier heraus! Ich gebe ihnen
Feuerschutz“, rief Bond.





Andrej nickte und kroch langsam rückwärts hinter das Sofa,
während Bond mit einem Gezielten Schuss einen der Schützen erlegte. Dann
presste er sich ganz eng an die Rückseite des Sofas, um das leere Magazin
seiner Walther auszuwechseln. In der Zeit feuerte der Russe einige gezielte
Schüsse ab und traf einen der Kubaner am Bein, der daraufhin umknickte und in
die Salve seines Nebenmannes geriet. Dann griff er sich rasch Havanna und
arbeitete sich so schnell und gefahrlos wie möglich zur Tür des Salons vor,
wobei Bond zur Ablenkung wieder weiter auf die Schützen schoss. „Zum Wagen!“





Als Andrej und Havanna unbeschadet den Flur erreicht hatten,
machte sich auch Bond bereit für seine Flucht. Er kauerte hinter dem Sofa, die
Kugeln schlugen unnachgiebig über ihm in der Wand ein, und er atmete noch
einmal tief durch. Er sammelte all seine Kräfte, sprang in Richtung Tür und
rollte sich geschickt im Flur ab. Die Salven der Maschinengewehre folgten ihm,
trafen ihn jedoch glücklicherweise nicht. Schnell lief er durch das Haus der
Westhams zum Hof. Dort hatten sich Havanna und Andrej hinter Bonds Jaguar
verschanzt. Von Perez’ Schergen war niemand zu sehen, doch konnte Bond sie
hinter sich im Haus hören. „Einsteigen!“ Bond zückte seinen Schlüssel und
öffnete im Laufen den Wagen. Havanna, Andrej und schließlich auch Bond stiegen
ein, gerade als der erste Kubaner aus der Haustür kam und die Fliehenden mit
einer Salve aus seinem Maschinengewehr bedachte, doch die exzellente Panzerung
des Autos lenkte alle Kugeln ab. „Zeit etwas mehr für meine Schadensstatistik
zu tun.“ Bond startete den Jaguar, fuhr zur Einfahrt und blickte sich um. Ein
Zielkreuz war in der Heckscheibe erschienen, immer mehr bewaffnete Kubaner
kamen aus dem Haus. Der britische Agent machte sich rasch an die
Zieleinstellung, drückte auf einen Knopf, eine Rakete löste sich neben dem
Auspuffrohr und schlug genau im Eingangsbereich des Hauses ein! Eine gewaltige
Explosion folgte, die die Kubaner zu Leichen und das Haus der Westhams zu einem
Renovierungsfall machte. „Man muss ja schließlich seinem Ruf als Zerstörer
gerecht bleiben“, grinste Bond und lenkte den Wagen zur Landstraße.





12 – Bond geht ein
Licht auf






„Und nun zu ihnen, Aprewski“, wandte James Bond sich an den
jungen, russischen Agenten. Zu dritt saßen sie in Raouls luxuriösem und
stickigem Büro, Bond, Raoul und Andrej. Für Havanna hatte man ein Hotelzimmer
gebucht, in dem sie sich jetzt ausruhte. Bond und Raoul waren übereingekommen,
dass für sie keine Gefahr mehr bestünde, denn Juanita hatte sich ja jetzt an
dem wirklichen Initiator des Giftanschlages gerächt. Bond hatte derweil
geduscht und sich umgezogen. Es galt nun herauszufinden worin Perez’ Projekt
bestand. Auf Anweisung von Bond hatte Raoul das Haus von Perez durchsuchen
lassen, doch die Vögel waren schon ausgeflogen. Bei den Gutshäusern von Silva
und Cruz war es das Gleiche gewesen. Das einzige Fundstück war die Leiche von
Diego in einem alten Lagerhaus. Auch er hatte ein silbernes Wurfmesser im
Herzen stecken.





Andrej schaute zu Bond. „Ich weiß, ich habe ihnen einiges zu
erklären“, sprach er mit seinem harten russischen Akzent. Raoul musterte ihn
etwas misstrauisch.





„Dann schießen sie bitte los.“





„Nun, sie haben doch sicher beide von dem Attentat auf
Gorbatschow und von unserem vermissten Nachrichtentechniker gehört, nicht
wahr?“ Raoul und Bond nickten zustimmend. „Die Spuren dieser beiden Fälle
trafen sich und ich wurde auf diese Geschichte angesetzt. Die Hinweise führten
mich nach Kuba, zu Perez. Deshalb schlich ich letzte Nacht bei seinem Haus
herum und habe ihnen die Ladung Pfefferspray verpasst. Leider habe ich nicht
gesehen, wer da um die Ecke kam. Jedenfalls suchte ich für meine Ermittlungen
Hilfe bei einem unserer Ex-KGB-Agenten, Leon Martinez. Nun, leider steckte er
mit Perez unter einer Decke und baute diese Falle für mich auf. Vielleicht war
es mein Glück, dass sie hineintappten, Mr. Bond. Ich weiß nicht ob ich so schnell
reagiert hätte. Jedenfalls gelang es mir mit Hilfe des Arztes eine Wanze in
Perez’ Schlafzimmer anzubringen und so erfuhr ich das Passwort für seinen
Computer. Die Gelegenheit die Dateien zu überspielen ergab sich, als Juanita
das Haus verließ, um Sir Henry umzubringen. Hier sind sie.“ Er holte die CD aus
der Innentasche seiner Jacke und ließ sie auf Raouls Schreibtisch fallen.





„Hüte dich vor den Russen, auch wenn sie Geschenke bringen“,
gab Raoul düster zum Besten.





Andrej lächelte. „Ich bitte sie. Im Zeitalter des
internationalen Terrorismus, sollten solche geheimdienstlichen Kleinkriege doch
längst überholt sein. Ich will unseren Nachrichtentechniker zurück und sie
wollen… ich habe zwar keine Ahnung, was genau sie wollen, aber uns allen ist
doch daran gelegen, diese Atomraketen unschädlich zu machen.“





Bond nickte. „Mein Auftrag lautet eine zweite Kubakrise zu verhindern...“
Und Sir Henrys Unschuld zu beweisen, sinnierte er weiter. Ja, er hatte Sir
Henrys Unschuld an den Anschlägen auf die Plantagen bewiesen, aber auf Kosten
der Aufdeckung einer noch größeren Schuld Sir Henrys… Bond schluckte. Wer
wusste davon? Sir Henry, Martinez und de Stroy waren tot. Mit den anderen
Pflanzern würde er auch noch abrechnen. Und Havanna? Havanna würde nichts tun,
was dem Andenken an ihren Vater Schaden zufügen würde. Unter den Teppich
kehren, jawohl. Sir Henry Westham war eine Legende, die man nicht antasten
durfte! Ein Mann, der auch Bonds Vorbild gewesen war. Man musste es im Bericht
ja nicht erwähnen, könnte gut dem Chevalier die ganze Sache anhängen… Bond
strich sich über das Kinn. Nein! Nein. Martinez würde sich in seinem Grab noch
totlachen, wenn Bond jetzt Sir Henrys wahres Leben vertuschen würde, so wie der
tote Pflanzer und ehemalige KGB-Agent vorausgesagt hatte. Den Triumph durfte er
ihm auch nach seinem Tode nicht gönnen. Und er würde Lügen auch nicht als
Wahrheit verkaufen, wie es de Stroy ausgedrückt hatte. Er würde M einen
wahrheitsgetreuen Bericht vorlegen und sie musste entscheiden wie weiter zu
verfahren sei.





Raoul schaute besorgt zu dem nachdenklichen Bond. „Ist
etwas, Mr. Bond?“





„Nein, es ist alles Ordnung. Alles ist in bester Ordnung“,
antwortete Bond mit zufriedenem Gesichtsausdruck und ging rasch weiter im Text.
„Lassen sie uns jetzt mal auf die CD schauen.“





Raoul nickte, griff nach der CD und schob sie in das
CD-Laufwerk seines Computers. „Was ist noch nicht verstehe, ist, was würde
Perez durch den Tod Gorbatschows gewinnen?“





Bond blickte ernst aus dem Fenster. „Ganz klar. Rache. Der
Zusammenbruch der Sowjetunion ist auf Gorbatschows Politik zurückzuführen.
Seitdem ist hier die Perioda especial in Kraft, wie mir Juanita berichtete.“ Er
nickte wissend. „Wahrscheinlich hat Perez auch die Produkte von Bacardi
verseucht, dem führenden Clan der Exilkubaner, auf die er seit der Invasion der
Schweinebucht, bei der seine ganze Familie umgekommen ist, einen unbändigen
Hass hat. Silva und Cruz werden sich ihm aus ähnlichen Gründen angeschlossen
haben, während der eiserne Kommunist Martinez in Perez’ Plänen sicher einen
gewaltigen Schlag gegen den Kapitalismus und gegen die USA gesehen hat.“





„Dann könnte eines seiner Ziele Florida sein, wo eigentlich
alle Exilkubaner leben“, überlegte Raoul und begann mit dem Überprüfen der
Dateien. „Ah, wer sagt es denn“, grinste er breit. „Das hier ist Schriftverkehr
von Perez mit ihrem verschwundenen Techniker, Aprewski.“





„Zeigen sie mal her.“ Andrej stand auf und blickte auf den
Monitor. „Tatsächlich. Und es ist eindeutig herauszulesen, dass eine der beiden
Raketen irgendwo in Miami liegt. Leider steht hier nichts über die zweite.“
Enttäuscht blickte er Bond an.





„Es hilft nichts“, seufzte Bond. „Wir müssen herausfinden wo
sich Perez’ Kommandozentrale befindet. Wir wissen nicht, wann er zuschlägt, wo
die zweite Bombe ist und ob wir die erste rechtzeitig finden und entschärfen
können.“





Raoul zündete sich eine Zigarre an, lehnte sich zurück und
schlug die Beine übereinander. „Ich würde die Bombe in Miami in dem Viertel mit
dem größten Anteil an Exilkubanern suchen. Wir müssen jetzt alles versuchen.“





„Das sehe ich genauso“, nickte Bond und gab seinen Platz am
Fenster auf. „Was ist mit Coronel Adoro?“ Andrej hörte derweil aufmerksam zu.





„Nun, nach derzeitiger Sachlage würde ich sagen ein
Volltreffer“, berichtete Raoul. „Castro-Anhänger und Nationalist durch und
durch. Ich bin sicher so ein Typ würde Perez’ Pläne auch ohne Rückendeckung von
oben unterstützen.“





„Wo ist der Oberst zurzeit?“





Raoul beugte sich vor und schaute in die Akte vor ihm. „Im
Moment hat er das Kommando über einen Leuchtturm, den Piedras del Norte.“





Bond blickte Raoul überrascht an. Ein Leuchtturm! „Das ist
es. Ich habe in Perez’ Safe einen Pachtvertrag für einen Leuchtturm gefunden.
Ein sichereres und unauffälligeres Plätzchen wie so einen bewachten Leuchtturm
kann Perez ja eigentlich gar nicht finden für eine geheime Basis. Ich nehme an,
den Touristen ist der Zutritt auf das Gelände verwehrt?“





„Si, das ist es in der Tat, Mr. Bond“, nickte Raoul und
stieß eine graue Rauchwolke aus. „Aber ist so ein Leuchtturm nicht ein wenig
klein?“





„Das muss nichts heißen“, entgegnete Bond. „Vielleicht steht
er auf einem alten Bunker.“ Dieser Überlegung musste Raoul Recht geben. „Wo
befindet sich der Leuchtturm genau?“





Raoul stand auf und ging zu der verblichenen Kubakarte an
der Wand. Mit seiner Zigarrenhand deutete er auf einen bestimmten Punkt. „Hier.
Am Ende der Landzunge, die von Varadero aus abgeht. Am Besten zu erreichen wohl
vom Land aus. Ein Motorboot wäre zu viel Aufsehen. Mit ihrem Auto können sie so
ungefähr bis hierher fahren.“





„Also heute Abend stürmen wir den Leuchtturm. Wir haben
gerade noch genug Zeit für ein gutes Abendessen und zum Ausrüsten. Und sie
leiten alles in die Wege, damit die Bombe in Miami gefunden wird, Raoul.“ Raoul
und Andrej nickten mit ernsten Gesichtern. Bond lehnte sich an eine Wand und
blickte zur Decke. Noch vor wenigen Tagen in London war er enttäuscht gewesen,
dass die Welt in Bewegung und er nicht dabei war und nun fand er sich doch
mitten im Weltgeschehen wieder.





Bond und Havanna bewohnten dieselbe Suite im Hotel,
allerdings eine mit zwei Schlafzimmern. Sie aßen erst gemeinsam zu Abend und
danach beobachtete Havanna, wie sich der Agent für seine nächtliche Mission
ausrüstete. Sie stand auf dem kleinen Balkon der Suite und schaute zu Bond
hinein, der gerade ein schwarzes Oberteil aus seinem kleinen Koffer, der auf
dem großen Bett stand, holte und überzog. „Du denkst immer noch an meinen
Vater, nicht wahr?“





Bond hielt inne und nickte schließlich. Havanna trat zu ihm.
„Ich weiß, es ist schwer für dich die Wahrheit über ihn erfahren zu haben, aber
du bist nicht wie er. Du bist ganz anders. Du hast einen stärkeren und besseren
Charakter, James. Du wirst nie so enden wie er. Du wirst nie so ein Wrack
werden oder dich mit kriminellen Mitteln durchs Leben schlagen oder deine
Langeweile damit vertreiben. Das weiß ich ganz genau.“ Sie schaute dem Agenten
tief in die Augen. Dieser erwiderte zärtlich den Blick und lächelte.





„Danke, Havanna.“ Er wollte den Arm um sie schlingen, doch
sie entzog sich ihm. „Ich kann nicht“, sagte sie tonlos und schluckte.





Bond nahm sanft ihre Hand. „Hab keine Angst, Havanna. Liebe
kann auch etwas sehr Schönes sein.“





Havanna wandte sich zu Bond um. Nun war es an ihr dankbar zu
lächeln. „Pass heute Nacht gut auf dich auf, James! Piedras del Norte, 19 m
hoch, erbaut 1857.“ Zum ersten Mal erblickte er das Glitzern von Lebensfreude
in ihren Augen. Wie schön sie doch in diesem Moment war!





Die Nacht war sternenklar und eine laue Brise herrschte, als
der schwarze Jaguar hinter einem verlassenen Bootshauses parkte und zwei dunkel
gekleidete Männer ausstiegen. „So einen Wagen hätte ich auch gerne“, seufzte
Andrej.





„Gibt es beim russischen Geheimdienst denn keine
Entwicklungsabteilung für solche Gefährte?“ fragte Bond sofort nach.





„Doch, sicher“, antwortete der russische Agent. „Doch im
Moment hat der Geheimdienst mehr damit zu tun zu debattieren ob SWR und FSB,
also Auslands- und Inlandsgeheimdienst, wieder zusammengefasst werden sollen.“





Langsam arbeiteten sie sich in Richtung des Leuchtturmes,
dessen Licht sie schon am Himmel sehen konnten, vor. Immer darauf bedacht, die
Schritte so geräuschlos wie möglich zu setzen und jedes nur ein wenig
auffällige Geräusch sofort zu registrieren. Doch schließlich gelangte der Leuchtturm
ohne Probleme in ihr Blickfeld. Es schien keine Absperrungen oder anderweitige
Vorkehrungen zu geben, nur ein paar Wache haltende kubanische Soldaten. Im
Schutze einiger Palmen trennte sich Andrej in der Nähe des Leuchtturmeinganges
von Bond und schlich in weitem Bogen um den Leuchtturm herum. So lange es ging
hielt Bond den Russen im Blickfeld um ihm notfalls Feuerschutz zu geben. Ohne
Probleme platzierte Andrej eine kleine Sprengladung und kehrte unbeschadet zu
Bond zurück. „Fertig?“ flüsterte er Bond zu. Dieser nickte. Andrej zückte einen
kleinen Sender und zündete die Sprengladung. Die Explosion zog natürlich sofort
die Aufmerksamkeit der Soldaten auf sich und die beiden Geheimagenten nutzten die
Zeit der Ablenkung sofort aus, um zu der kleinen Tür des Gebäudes zu sprinten.
Der Turm war rund und weiß angestrichen und das Leuchtturmwärterhaus war sehr
herunterkommen. Das Dach, das aus roten Dachziegeln bestand, fehlte zur Hälfte.
Man würde wahrlich nicht vermuten, hier das geheime Hauptquartier eines Schurken
zu finden.


Bond und Andrej pressten sich an die Wände neben der Tür.
Der Engländer ging mit erhobener Pistole zuerst hinein, während der Russe die
Tür sicherte und Bond dann rückwärts folgte. „Nun?“ Andrej sah sich um.





„Nichts besonderes“, gab Bond zurück. Und tatsächlich war es
nur eine kleine heruntergekommene Stube mit alten Holzmöbeln. Immer noch nichts
was auf besondere Aktivität schließen ließ. Bond stieß Andrej leicht an der
Schulter. Dieser schaute auf und folgte Bonds Blick bis zu einem kleinen,
versteckten roten Knopf. Bond drückte ihn und am anderen Ende des Raumes fuhr
ein Wandstück zurück. Rasch postierten sich die beiden Agenten mit erhobenen
Waffen rechts und links daneben. Ein Lichtschein fiel aus der Öffnung, doch
nichts weiter passierte. Beide machten einen Schritt zur Öffnung hin und
zielten mit ihren Waffen hinein. Hinter der Öffnung befand sich eine metallene
Wendeltreppe. „Nach dir, James“, verlangte Andrej höflich.





„Danke“, erwiderte Bond und so stiegen sie nacheinander
gemeinsam in die Höhle des Löwen.
"Wer ist schon Bond im Vergleich zu Kronsteen?!"

Kronsteen

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13

Samstag, 25. Mai 2013, 22:18

13 – Piedras del
Morte






Vorsichtig stahlen sich James Bond vom britischen Secret
Service und Andrej Aprewski vom russischen SWR die Wendeltreppe hinunter bis
sie schließlich an einen schmalen Gang gelangten. Er stieg an und schien in
eine Höhle zu führen und es war deutlich der Geruch von Meerwasser zu riechen.
Auf der rechten Seite befand sich eine Stahltür. „Ich würde sagen, wir müssen
durch die Tür“, befürchtete Andrej und Bond stimmte ihm zu. Während Bond die
Tür sicherte, versuchte Andrej sie zu öffnen. Die Tür war tatsächlich nicht
abgeschlossen. Als sie von oberhalb der Wendeltreppe ärgerliche Stimmen hörten,
betraten sie beide hastig den anschließenden Raum und mussten sofort die Waffen
senken und die Arme vor die Augen reißen. Gleißendes Licht blendete sie. Hinter
ihnen wurde die Stahltür geschlossen und verriegelt.





„Senor James Bond und Senor Andrej Aprewski“, ertönte Perez’
Stimme, die sich immer noch ein wenig schwach anhörte. „Ich heiße sie herzlich
willkommen im Piedras del Norte oder besser im Piedras del Morte, wie ich
meinen kleinen Stützpunkt diese Nacht nenne. Nach all den Jahren ist der Tag
der Abrechnung endlich da und ich freue mich, dass sie sich extra die Mühe
gemacht haben die Stunde meiner Rache gemeinsam mit mir zu verbringen. Ich
wusste schon die ganze Zeit, dass sie ein netter Kerl sind, Senor Bond.“





Die Scheinwerfer wurden ausgeschaltet und nachdem sich Bonds
Augen wieder erholt hatten, blickte er sich um. Er stand auf einer metallenen
Balustrade mit einer einfachen, waagerechten Strebe als Geländer in mittlerer
Höhe, die einmal rings um den rechteckigen Raum herumführte. Über Leitern
konnte man den Erdboden erreichen. Der Raum war ausgestattet mit
Computerterminals und einigen technischen Apparaten. An einer Seite des Raumes
war ein einfacher metallener Aufzug angebracht. Neben ein paar Technikern war
hier eine ganze Wachmannschaft von kubanischen Soldaten. Der Oberst stand neben
einem großen Monitor vor einem hohen Schrank. Es war ein älterer Mann mit
grauen Haaren, einem grauen Schnurrbart und einem wettergegerbten Äußeren.
Perez, immer noch von dem Herzanfall gezeichnet, saß im Rollstuhl an einem
runden Terminal auf einem erhöhten Podest. Seine Tochter und die anderen
Pflanzer standen bei ihm.





„Jetzt lassen sie bitte beide die Waffen fallen“, befahl der
kahle Perez, der in ein Mikrofon sprach. Beide Agenten leisteten dem wohl oder
übel Folge, da mehrere Gewehre auf sie gerichtet waren. „Und ich fürchte, dass
sie ganz umsonst hierher gekommen sind, Senor Aprewski. Ich fürchte der
Professor weilt nicht mehr unter den Lebenden. Sie haben sicher den Gang
bemerkt, der zu einem Ausstieg am Meer führt. Ich fürchte, der gute Professor
war ein Nichtschwimmer.“





„Schwein!“





„Das ist durchaus möglich“, entgegnete Perez, der nichts von
seiner freundlichen Art verloren hatte. „Aber er wird nicht das einzige
Todesopfer diese Nacht sein, das auf mein Konto geht. Wissen sie, das
Verseuchen der Produkte von Bacardi war nur eine kleine Spielerei. Dass
Gorbatschow das Attentat überlebt hat ärgert mich dagegen schon mehr. Aber ich
will sie nicht mit Belanglosigkeiten langweilen. Diese Nacht geht es um sehr
viel mehr. Zwei Bomben werden diese Nacht losgehen und niemand wird das mehr
verhindern können. Und hätte meine Tochter diesen schleimigen de Stroy schon
etwas eher erwischt und wenn Martinez’ Falle so funktioniert hätte wie sie
sollte, wären sie völlig ahnungslos gewesen, Senor Bond. Niemand hätte jemals
herausgefunden, dass die Bomben von hier aus gezündet worden sind über ein
System auf das ich sehr stolz bin. Entwickelt unter anderem von Sir William
Otterborough.“ Nun sah Perez Bond genau an. Dieser verzog das Gesicht. Er hatte
doch gewusst, dass der Selbstmord von Sir William und das Verschwinden des
russischen Nachrichtentechnikers in Zusammenhang standen. „Wir erpressten ihn
und er hat uns dafür zwei sehr nützliche kleine Maschinchen gebaut. Sein
Gewissen trieb ihn schließlich in den Selbstmord. Diese beiden Maschinchen sind
an den Zündern der Bomben befestigt und reagieren äußerst empfindlich auf
Störungen im elektromagnetischen Wellenfluss.“ Perez schaute von Bond zu
Aprewski. „Der Professor versorgte uns schließlich mit der Möglichkeit so eine
kleine Störung selbst herzustellen. Schauen sie selbst.“ Perez drehte sich zum
Monitor und drückte einen Knopf. Es war nun eine Aufnahme des Leuchtturmes zu
erkennen. Perez drückte einen weiteren Knopf und eine Antenne spross aus dem
Dach des Turmes. „Es ist ganz einfach.“ Perez freute sich wie ein kleines Kind.
„Wir senden von hier aus ein kleines Störsignal hinauf zu den amerikanischen
Fernsehsatelliten und bumm! Während alle Fernsehzuschauer nur einen kurzen Riss
im Bild mitkriegen explodieren unsere Bomben.“





„Gratulation“, meinte Bond sarkastisch. „Wir wissen, dass
eine Bombe in Miami ist. Wo macht es denn noch bumm?“





Perez überlegte einen Augenblick. „Da sie ja sowieso keinen
Zugriff zu den Bomben haben, kann ich es ihnen ja auch verraten. Die zweite
Bombe wird in Washington detonieren. Beim CIA im Hauptquartier, bei Präsident
Bush im weißen Haus, irgendwo dort. Und wieso sollte man Kuba verdächtigen? Die
Islamisten geben einen viel besseren Sündenbock ab.“





„Nur, dass niemand die Islamisten verdächtigen wird, Perez“,
konterte Bond. „Es gibt noch mehr, die von ihren Machenschaften wissen, außer
Aprewski und mir.“





„Das ist mir wohl bewusst“, nickte Perez. „Nur wird Havanna
niemand Glauben schenken. Sie ist für die Behörden nur eine arme Irre. Und
Raoul…“ Perez wandte sich Coronel Adoro zu. „Zeig ihnen Raoul.“





Der Oberst trat zur Seite und öffnete die Tür des Schrankes.
Raouls weit aufgerissene Augen und sein schmerzhaft verzerrter Mund strahlten
pures Entsetzen aus. Wie ein Brett fiel sein toter Körper auf den Boden. In
seinem Rücken steckte auf Herzhöhe ein weiteres von Juanitas Wurfmessern.





„Schwein!“ wiederholte Andrej.





„Das werden sie büßen, Perez!“ drohte Bond wütend und doch
mit einem unheilvollen Gefühl der Beklemmung. Nun hatte er keine Rückendeckung
mehr. Andrej und er waren die einzigen, die Perez noch aufhalten konnten.





Perez ging nicht auf die beiden ein. „Und selbst wenn man
auf meine Spur kommt“, entgegnete er müde. „Ich hatte meine Rache und bin alt
und krank. Nachdem die Zündung der Bomben erfolgt ist, werde ich diesen ganzen
Komplex sprengen und mit ihm in Rauch aufgehen. Und sie beide zusammen mit mir,
dafür wird gesorgt werden.“





Juanita war hinter ihren Vater getreten und schlang zärtlich
ihre Arme um ihn. Cruz und Silva grinsten hämisch in die Richtung der beiden
Geheimagenten. Der Coronel hatte die Arme hinter dem Rücken verschränkt und
stand militärisch aufrecht ohne eine Regung in seinem dunklen Gesicht. Perez
schaute verträumt zur Decke. „Bei Gott, wie lange hat es gedauert, bis ich den
Plan vollständig ausgearbeitet hatte und wir das nötige Geld beisammen hatten.
Zu keinem anderen Zweck schlug ich Sir Henry den Einstieg in das Drogengeschäft
vor und ich gründete die Vereinigung um Mitstreiter zu finden. Doch nun ist es
endlich so weit! All die Jahre des Wartens haben sich ausbezahlt!“ Perez fing
sich wieder und blickte warmherzig zu Bond. „Irgendwelche passenden Worte,
Senor Bond, bevor ich auf den Zauberknopf drücke?“





Bonds Blick fiel auf den roten Knopf vor Perez, der schon
seine Hand danach ausgestreckt hatte. Seine Augen wanderten flink zu Andrej und
ein kurzer Blickwechsel genügte, um ein wortloses Einverständnis zwischen den
beiden Agenten zu erzielen. Wann war Bond eigentlich das letzte Mal mit einem
anderen Agenten gemeinsam im Einsatz gewesen? War es mit Felix Leiter? Nein,
später noch ein paar Mal mit Alec Trevelyan. Mit grimmigem Gesichtsausdruck
dachte er an diesen Linzer Kosaken, der auch nur Rache wollte. Doch nun hatte
er das Gefühl, sich wirklich auf diesen Russen verlassen zu können, der jetzt
neben ihm das gleiche Schicksal teilte. „Nun, Senor Bond, was sagen sie?“
wiederholte Perez.





„Schade für sie!“ rief Bond und in einem waghalsigen Manöver
beugten sich Bond und Andrej hinab und griffen nach ihren Waffen. Die Kugeln
der kubanischen Soldaten zischten dicht an ihren Köpfen vorbei. Die Agenten
setzten zum Sprung an, schossen und sprangen die Balustrade hinab hinter ein
Computerterminal, dass ihnen wenigstens von einer Seite Deckung bot. Rasch
wendeten sie sich noch oben und erledigten mit zwei gezielten Schüssen die
beiden Soldaten, die eben noch neben ihnen gestanden hatten. Ein aufgeregtes
Durcheinander brach aus. „Erschießt sie!“ rief der Oberst durchdringend. Funken
stieben von dem Computerterminal auf, dass von den Kugeln der Gewehre getroffen
wurden. Juanita blickte sich etwas orientierungslos um, bis sie eine
Feuchtigkeit an ihrer Hand spürte, die immer noch auf Perez’ Brust lag. Blut!





„Vater!“ schrie sie außer sich. Doch Perez war tot.
Getroffen von Bonds erster Kugel. Rasch blickte sie sich um, sah auf das
Computerterminal, doch an der Stelle des roten Knopfes waren nur noch
verschmauchte und rauchende Leitungen. Hier war der erste Schuss von Andrej
hingegangen. Mit unbändiger Wut hastete sie, während die Schießerei tobte, zu
einem roten Hebel an der Wand und umfasste ihn. „Du wirst hier nicht mehr
lebend herauskommen, James! Dies ist der Hebel für die Selbstzerstörung! Wir
werden alle zusammen untergehen!“





Die Soldaten hielten inne und sahen sich erschreckt an. Sie
war eindeutig verrückt geworden! Bond und Andrej nutzten geistesgegenwärtig die
Unaufmerksamkeit und spurteten zum Aufzug. Juanita zog den Hebel herunter.
„Lasst sie nicht entkommen!“ rief der Coronel durch den Raum, der erfüllt war
von verstörten Soldaten, die versuchten aus diesem Grab zu entkommen. Eine
Explosion ließ das Gewölbe erzittern. Bond erreichte mit Andrej den Aufzug,
drückte auf die Taste nach oben und gerade noch sehen wie Miguel Cruz zu
Juanita Perez eilte, sie sanft in den Arm nahm und küsste bevor die Decke
herunter brach und alle im Raum unter sich begrub.





Bond atmete tief durch und schaute zu Andrej, der mit
ängstlicher Miene nach oben schaute. Nun konnte auch Bond es hören. Ein Grollen
und eine weitere Explosion! Der Aufzug stoppte und geriet in Schieflage. Andrej
konnte sich gerade noch halten, doch Bond verlor den Boden unter den Füßen und
rutschte ab. Immer weiter auf die züngelnden Flammen zu, die aus der zerstörten
Zentrale des Todes kamen und sich unnachgiebig nach oben schlängelten. Im
letzten Moment spürte Bond einen festen Griff um seinen Arm und eine Kraft, die
ihn hochzog. „Danke“, brachte er atemlos hervor, als er wieder einigermaßen
sicher auf der Metallplatte des Aufzuges stand.





„Aber es hilft nichts, wir werden ersticken“, mutmaßte
Andrej. Bond schaute sich um und erblickte einen Riss in der Erdwand. „Dort!“





Langsam nahm der dunkle Rauch ihnen Atem und Sicht doch mit
gemeinsamen Kräften schafften sie es den Riss zu vergrößern. Hinter dieser Wand
war augenscheinlich der Gang der zu dem Ausstieg am Wasser führte. Eilig
schlüpften sie durch das Loch und bahnten sich ihren Weg durch den dunklen,
schmalen Gang so gut sie konnten. Als die Leiter und das Ausstiegsloch schon in
Sichtweite waren stieß Andrej an einen Stein, strauchelte und fiel zu Boden. Es
war wieder ein Grollen zu hören. Schnell wendete Bond sich um, griff Andrejs
Hand und half ihm auf. Eine weitere Explosion ertönte und eine Wolke aus Staub
und kleinen Steinen kam den beiden aus Richtung des Höhleninneren entgegen.
Gerade noch rechtzeitig erklettern sie die Leiter und hievten sich aus dem
kleinen Ausstiegsloch bevor der Gang ganz in sich zusammenfiel!





Hustend ließen sich die beiden Agenten auf dem sandigen
Boden nieder. Bond blickte sich um und sah den Leuchtturm. Rauch stieg aus dem
Wärterhaus und die kubanischen Soldaten beratschlagten noch verwirrt was wohl
geschehen sei. „In die Richtung möchte ich nicht zurück“, bemerkte Bond.





„Brauchen wir auch nicht“, sagte Andrej, der in Richtung
Meer geschaut hatte. „Perez selbst hat wie ein Vater für uns gesorgt.“





Bond schaute nun auch zum Wasser. An einem kleinen Steg lag
ein Motorboot mit dem Emblem der Perez-Pflanzergesellschaft. Andrej war schon
aufgesprungen und half nun auch Bond hoch.





James Bond hatte sofort bei seiner Ankunft im Hotel mit M in
London Kontakt aufgenommen und ihr berichtet. Danach hatte er geduscht und
lange geschlafen. Havanna war während dieser ganzen Zeit ganz still gewesen.
Das Läuten des Telefons riss ihn schließlich aus seinem Schlummer. Er griff vom
Bett aus zum Hörer. „Ja, Bond.“





Am anderen Ende war M. „Ich beglückwünsche sie zu dem
erfolgreichen Abschluss ihrer Mission, Bond. Ich sollte vielleicht doch langsam
einmal damit anfangen ihren Instinkten zu vertrauen.“ Bond wollte erst aus
Höflichkeit protestieren, doch M ließ ihn nicht zu Wort kommen. „Was Sir Henry
angeht so haben wir – der Minister, der Stabschef und ich – und dazu
entschlossen das wahre Leben Sir Henrys nicht publik zu machen. Es liegt nicht
im öffentlichen Interesse und würde auch nur zum Schaden seiner Tochter gehen.“





„Seine Tochter, da erinnern sie mich an etwas“, murmelte
Bond und ein Klicken ertönte in der Leitung.





„Bond? 007? Bond? Bond!“ rief M immer wieder in das Telefon,
doch Bond hatte unwiderruflich aufgelegt. Mit einem Seufzen ließ sie ebenfalls
den Hörer auf die Gabel fallen. Bond würde sich doch nie ändern.





M und Bond legten auf. Havanna trat in sein Schlafzimmer.
Bond richtete sich auf und fuhr sich durch das Haar. „War das M?“ fragte sie.
Bond nickte. „Und?“





„Sie schien sehr befriedigt“, antwortete er.





„Nur ich war es noch nie“, flüsterte Havanna traurig und
setzte sich zu dem Agenten auf das Bett. „Ich bin so froh, dass du alles heil
überstanden hast, James.“ Bond lächelte sie sanft an und streichelte sachte
ihre Wange. Langsam lächelte sie ebenfalls. „Damien sagte damals, dass du ein
gut aussehender, charismatischer und begehrenswerter Mann seiest. Er hat
vollkommen Recht, nur wollte ich mir das damals noch nicht eingestehen.“
Havanna ließ sich rückwärts auf das Bett gleiten und schaute direkt in Bonds
Augen. „Bitte zeig mir, wie schön Liebe sein kann…“ Bond beugte sich über sie
und gab ihr einen zärtlichen Kuss.








THE END




BUT




JAMES BOND WILL RETURN




IN




„AGENTUR ARGUS“
"Wer ist schon Bond im Vergleich zu Kronsteen?!"